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Sonntag, 11. März 2012

der 2. Freitag im März, ein Jahr später

Im Gegensatz zu heute war Freitag, der 11.3.2011 ein sonniger Tag - heute schüttet es in Tokyo und es fühlt sich angemessen an.
Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich soviele der Menschen nicht mehr wiedersehen würde, die so selbstverständlich zu unserem Leben und zu unserem Alltag gehört haben, ich hätte es mir nicht vorstellen können. Und doch sind viele Freunde und Bekannten fort, verstreut über die ganze Welt und viele davon werde ich vermutlich nie mehr wiedersehen.
Das ist natürlich traurig, aber ich weiß ja, es geht ihnen gut. Sie sind gesund und körperlich unversehrt, sollte ich wohl besser sagen, denn der 11.3.2011 hat uns alle verändert und geprägt.

Umso unvostellbarer ist es für mich, wie es sich anfühlen muss, sein Kind, seinen Partner oder seine Eltern beim Erdbeben und dem Tsunami verloren zu haben. Fort, für immer - und manchmal noch nicht mal mit der Gewissheit, ob und wie und wo derjenige gestorben ist.
Viele wurden einfach nicht gefunden oder wurden in der Sperrzone angeschwemmt, wo Angehörige nicht suchen können. Wenn ich mir vorstelle, meine Kinder wären einfach fort - ich weiß nicht, wie man sowas akzeptieren und wie man weiterleben kann. Nein, sowas kann vermutlich keiner nachfühlen. Wenn man Bilder sieht von den Menschen, die dort oben in den betroffenen Gebieten AUSHARREN, weil sie sich nicht vorstellen können, auch noch die Heimat aufzugeben, wird einem das Leid sehr bewußt. Aber wie soll an so einer Stelle wieder neue Hoffnung entstehen?

Vorgestern war wieder Townhall-Meeting an der deutschen Botschaft - je politisch höher man schaut, desto sicherer sind sich die Zuständigen, dass alle Nahrungsmittel unbedenklich sind und es keinerlei Messungen gibt, die das Gegenteil belegen. Man wünscht es den Menschen hier,
aber wie soll ein Volk, das so lange belogen wurde, was die Sicherheit und die Zustände in Fukushima angeht, sowas plötzlich glauben? Ich kann es nicht, auch wenn ich es gerne würde - mein Alltag wäre wesentlich einfacher, wenn ich plötzlich wieder Gemüse, Obst und Milchprodukte einfach kaufen könnnte, ohne mir die Mühe machen zu müssen, komplizierte Kanjis zu entziffern, die ich dann wieder doch nicht zuordnen kann. Aber auch ich ertappe mich dabei, wie ich großzügiger werde. Glaube, wenn jemand sagt, der Salat sei doch sowieso aus dem Gewächshaus, also unbedenklich, weil ich es gern glauben will.
Die andere Bevölkerungs-Gruppe, die die "guten" Werte gerne annimmt und verbreitet, sind die Menschen, die darauf angewiesen sind: Bauern und Fischer aus dem Norden, die nichts anderes haben und nichts anderes können, als ihre Arbeit. Wie sollten sie auch überleben, ohne Landwirtschaft oder ohne Fischfang? Sie können noch nicht mal ihr Hab und Gut verkaufen und weggehen - wer will ihr Boot oder ihre Wiese schon haben?
Geisterdörfer gibt es dort oben viele in denen nur diejenigen übrig sind, die keine Kraft mehr haben zu gehen. Es gibt auch noch Kinder dort, aber die Eltern lassen sie nicht draußen spielen. Was ist das für ein Leben? Und wie lange kann man das durchhalten? Wie lange akzeptieren das die Kinder?
Ich darf gar nicht drüber nachdenken. Und doch lässt es mich nicht los.
Ein Jahr. Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung...
Vorhin hatten wir eine Charitiy-Kunst Auktion in Williams Kindergarten. Die Kinder dort begreifen viel - und wissen alles - alle haben das Erdbeben am eigenen Leib erfahren und sie möchten gerne helfen. Einer von Williams Freunden sagte, "wir brauchen viel Geld, damit wir eine Post-Station bauen können und wir den Kindern Briefen schicken können, damit sie wissen, dass wir immer an sie denken".
Es ist berührend, wie viel diese Knirpse schon wissen und spüren und doch hätte ich allen gewünscht, sie hätten ein wenig länger in dem Gefühl leben können, die Welt und sie selber seien unverwundbar.
Soviele sind im letzten Jahr weggezogen - und nicht nur Ausländer sondern auch Japaner.
Aber natürlich merkt man es in der Ausländer-Gemeinschaft am deutlichsten. Lilli zum Beispiel ist das einzige deutsche Mädchen in ihrer Klasse an der deutschen Schule...
Und wenn ich mit den japanischen Müttern in Williams Kindergarten unterhalte, erzählen sie auch von ihrem Wunsch, wegzugehen.
Wenn man jetzt den Fernseher annmacht, ist Japan wieder ein Thema.
Auch wenn der Alltag sich normalisiert zu haben scheint, mit dem Einkaufen und den mittlerweile kleinerern Erdbeben haben wir uns arrangiert und Beides ist fast selbstverständlich geworden, die Erinnerung ist verblasst - so ist doch, wenn man die Bilder sieht, das Leid, das Mitleiden, die eigene Angst, die Fassungslosigkeit und die Traurigkeit wieder da.
Ich kann den freien Fall wieder spüren, in dem ich mich befand - und mich teilweise noch befinde, denn selbst, wenn der Alltag vieles verdrängt und verdeckt - so tut er das natürlich nur solange man beschäftigt ist - und es gibt selbst bei mir und meinem Leben Momente, in dem es ruhig und still ist.
Das sind die Momente in denen ich die Angst wieder spüre, da überollt mich das Gefühl, dass nie mehr ALLES gut sein kann - vielmehr, dass jede Katastrophe, dass jedes Unglück möglich ist.

Ja, ich weiß, die schlimmste Bedrohung ist überwunden, Zeit ist vergangen und es ist wichtig, nach vorne zu sehen -außerdem, wer bin schon ich? Ich habe den Tsunami nicht am eigenen Leib erfahren müssen oder einen Menschen verloren, den ich liebe. Ich habe nicht monatelang in einer Notunterkunft gewohnt oder zusehen müssen, wie mein Kind radioaktives Essen gegessen hat, ich bin noch nicht mal Japanerin - und trotzdem: Ich bin nicht mehr so wie davor. Ich habe mein Gottvertrauen verloren und es ist, als ob mir im März ganz plötzlich mein Filter abhanden gekommen wäre. Plötzlich betrifft mich alles mit voller Wucht: Somalia, Lybien, ein Kind, gemobbt von Mitschülern, Armut, Hunger und Not egal wo, Tierquälerei, Iran, Umweltverschmutzung, Lieblosigkeit, Selbstsucht und Ignoranz. Manchmal kann ich kaum noch atmen, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie sich irgendetwas irgendwann zum Guten wenden soll, woher man Hoffnung bekommt und wie ich meinen Kindern die Geborgenheit und das Vertrauen vermitteln soll, die freudige und vorbehaltlose Neugier auf das  Leben, das ich selber als Kind empfunden habe und das mich getragen hat, mein Leben lang?
Diese Bilder anzuschauen, zu sehen, wieviel Leid es gibt, lähmt mich - und das Einzige, was ich all dem entgegenzusetzen habe, ist der Versuch, achtsam, respektvoll und wach mit den Menschen um mich herum umzugehen, mich zu bemühen, meinen Teil dazu beizutragen, dass wenigstens hier in unserem Umfeld Geborgenheit, Verantwortung und bedingungslose und respektvolle Liebe spürbar ist....
 Ich schreibe meine Blogs, wie ich mein Leben erlebe - einen Teil davon. Der andere Teil ist dieser hier - selten aber doch manchmal der stärkere. Alles, was ich ihm persönlich entgegensetzen kann, ist Humor. Und auch der reicht einfach nicht immer aus.
Dennoch: vielleicht ist es gerade unsere Pflicht, aus so einer katastrophalen Ereignis zu lernen - und mit unseren Kindern gemeinsam einen Weg zu suchen, unser Vertrauen wiederzufinden?
Zu wissen, wie wenig selbstverständlich das Leben ist, öffnet auch die Augen für unsere Möglichkeiten, für Werte, für kostbare besondere Momente, tiefe Freundschaften, die Kraft einer Familie, Gesundheit. Vertrauen. Liebe. Wahrheit und - Humor. Auch wenn es nicht immer gleich einfach ist.
Ich werde mich (sicher erfolgreich) bemühen, meinen in den nächsten Tagen wiederzufinden, bis dahin -  Sayoonara, passt gut auf euch auf - und "vergesst nicht Freunde, wir reisen gemeinsam" (Rose Ausländer),
Lucie
p.s.: der nächste Blog ist schon geschrieben, aber dies hier brannte mir auf der Seele - ich hoffe, ihr verzeiht.

Freitag, 17. Februar 2012

ADAM & EVE - das Grauen hat eine Adresse!


Kerstin und ich haben uns alle Wellness der Welt verdient, finden wir. Als Mutter von jeweils vier Kindern muss man sich für die  persönliche Instandhaltung einsetzen, ja kein Weg darf zu weit und kein Wellness-Programm zu schräg sein, um diese unsere Betriebs-Energie aufrecht zu erhalten.
Eigentlich ist es natürlich völlig egal, wieviele Kinder man hat - MÜTTER haben sowieso nur das Beste verdient, weil schließlich müssen sie auch noch ihr ganzes Selbstwertgefühl aus dem ALLTAG - und nicht wie all die berufstätigen MÄNNER aus ihrem, den eigenen Fähigkeiten entsprechenden Beruf und den sie anhimmeldnen Sekretärinnen ziehen.
Jawohl, Mütter müssen trotz der Kombination aus Alter und Schwerkraft, schlecht gelaunten Teenagern und trotzigen Kleinkindern das Leben und sich selbst schön finden. Das geht in meinem Fall nur mit gewissen Investitionen in Wohlbefinden und Pflege. Ja, und ab und zu ein wenig Schokolade.

Aber in diesem besonderen Fall kommt zu all dem oben Genannten auch noch besondere Belastungen hinzu. BESONDERE BELASTUNGEN will echt was heißen, denn schließlich sind wir Kummer gewöhnt, das kann ich euch sagen!
Also, es fängt ja schon mal damit an, dass Kerstin und ihre Familie nächste Woche nach Deutschland zurückgehen. Einfach so! Für immer! Das ist natürlich unerhört, denn schließlich ist Japan ohne Kerstin (und dem Rest ihrer Familie) irgendwie nicht komplett. Das ist mal das Erste. Dazu kommt natürlich der Umzug (mit dem zumindest ich wenigstens nichts zu tun habe, aber man leidet ja schließlich mit) und die obligatorische Sayonara-Party - die im allgemeinen auch problemlos zu organisieren und durchzuführen ist, und jeder sich GERN dran erinnert - es sei denn, man lädt die Menschen mit ihren Kindern ein. Und hat eines dabei, das gerade offiziell eine Magen-Darm Grippe beendet hat und AUF GAR KEINEN FALL mehr ansteckend ist. Im Ergebnis bedeutet das: Von den ca 30 Gästen mit weiteren 30 Kindern wohnen mindestens 50 von Sonntag bis Mittwoch auf dem Klo. Ja, das kann jedem passieren, ich habe auch Verständnis und Mitleid UND ICH WILL AUCH KEINE NAMEN NENNEN - aber OOOHHH, gings mir schlecht!!!! So schlecht, dass ich mich noch nichtmal daran erfreuen konnte, dass man bei sowas ja mindestens 100 Gramm abnimmt.

Um den Kummer und die körperlichen Strapazen der letzten Tage - ach was sag ich, TAGE - JAHRE natürlich - zumindest optisch ein wenig abzumildern und weil der letzte gemeinsame Dienstags-Ausflug anstand, haben wir uns natürlich was ganz Besoneres ausgedacht:

Kerstin und ich gehen sehr sehr gerne in den Onsen.
Für alle, die das nicht kennen:
Ein Onsen ist ein öffentliches Badehaus mit heißen Quellen. Man findet sie in Japan an jeder Ecke und sie sind alle ähnlich. Manche sind unterteilt in Mann und Frau - dann badet man nackt, oder gemischt, dann zieht man sich einen Badeanzug an. Und das ist auch gut so. Mir reichen nackte Frauen schon.
Ein typischen Onsen-Besuch sieht so aus: Man betritt das Gebäude und schließt seine Schuhe in einen Schuh-Schrank ein.
Auf Strümpfen geht man an die Theke, bezahlt seinen Eintritt und gibt den Schuhschlüssel ab.
Dafür bekommt man einen Spindschlüssel und eine Karte. Mit dieser Karte geht man wiederum an einen weiteren Counter, wo man zwei kleine und ein großes Handtuch sowie eine Yukata - eine Art Bademantel  - überreicht bekommt.
Dann geht man zu seinem Spind, zieht sich um, vielmehr aus, und betritt den Onsen.
Nicht kompliziert. Nur japanisch. Jeder Weg hat sicherlich eine tiefe meditative Bedeutung und man darf bestimmt auch dankbar sein, dass man dabei - sozusagen Schritt für Schritt- den Alltag hinter sich lässt. Ganz sicher.

So.
Wir befinden uns nun im Naßbereich. Zu unserer Linken sehen wir ein bis zwei lange Reihen Spiegel auf Kniehöhe mit ca 15 Duschschläuchen (darf man das? zwei "sch" hintereinander??) und ebenso vielen umgedrehten Eimern davor. Diese laden herzlich zur intensiven Körperreinigung ein.
Selbstverständlich befindet sich neben jedem Duschschlauch jeweils eine große Flasche Shampoo,Spülung, Body-wash - gerne irgendwelches Desinfektions-Zeug fürs Gesicht, ein kleineres Wännchen zum Übergießen und Einweg-Rasierer. Als Erstes spült man mit Seife den umgedrehten Eimer- sprich Hocker und setzt sich. Nackt selbstverständlich. Ja - man gewöhnt sich an Einiges. Höchste Konzentration bitte bei der Verwendung der Kosmetik-Artikel - denn Desinfektionsschaum KANN an der falschen Stelle aufgetragen zu Haut-Irritationen führen - OH JA!
Und ja, man kann hier ziemlich viel Zeit verbringen, vorallem, wenn man zuhause kein eigenes Bad oder nie seine Ruhe hat.
Dann kann man sich hier zum Beispiel hemmungslos die Beine raiseren und allerlei andere andere rituelle Waschungen vornehmen.
ICH schau ja nicht so genau hin, aber ich hab da schon DINGE gesehen!!! DINGE!!! Die hätt ich den sonst so zurückhaltenden Japanerinnen gar nicht zugetraut, aber im Onsen gelten andere Regeln und ich bin außerdem vermutlich verklemmt.
Allein Kleider waschen,Tatoos haben und Haarefärben ist laut Hinweis-Schild in unserem Onsen nicht gestattet - fast ein bißchen kleinlich, wenn ihr mich fragt.
Eines ist sicher: Die Menschen, die sich nachher im Wasser tummeln sind sehr sehr sauber und das freut einen ja dann auch wieder, oder?

Das Wasser übrigens ist nur knietief und brühend heiß. Dafür findet sich zumindest in unserem "Haus-Onsen" immerhin ein Getränke-Automat ganz nah am Becken. man muss nur den Einen finden, der freiwillig aufsteht und was holt.
Die Becken sind oft draußen, gerne auch mit Blick in einen schön angelegten Garten, das Meer oder den Fuji. Naja, nicht alle, aber doch einige. Da liegt man dann und ist froh. Und wenn man ganz schrumplig ist, geht man wieder raus.
SO geht Onsen. So geht Entspannung. Und wir lieben das.

Aber wir wollten ja wieder mal noch eins draufsetzen, Kerstin und ich. An unserem letzten Ausflugs-tag. War uns wieder nicht genug, was zu machen, was wir schon kannten. Ein Abenteuer wollten wir erleben. Ja, eine letzte, sich für immer in unser Gehirn einbrennende Erfahrung sollte es sein, wir wollten unseren Enkeln noch von diesem ultimativen, großartigen Japan-Erlebnis erzählen.... und wir hatten, wie gesagt, ein wenig Erholungs-Bedarf.

Und deshalb gingen wir zu "Adam & Eve".
Wir erwarteten: Das Paradies.
Wir fanden heraus: DER VORHOF ZUR HÖLLE hat einene Namen.



 "Adam & Eve" befindet sich um die Ecke der chinesischen Botschaft und sieht schon von außen im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich schräg aus. Aber wer sind wir, dass wir und plötzlich von Äußerlichkeiten beeinflussen lassen? WIR DOCH NICHT!
Gut, das Gebäude ist mit grün-braunen Enternit-Platten verschalt und dreieckig und die Fenster haben sie auch vergessen!
Außerdem wird es von den Beamten der chinesischen Bootschaft mehr oder weniger umstellt, aber meine ehemalige Compound-Nachbarin Terri, Koreanerin, die im Übrigen immer sehr sehr jung und sehr gepflegt aussieht, hat mir  einst gesagt, das sei eine "once in a lifetime" -Erfahrung - da müsse man unbedingt hin, man würde es auch nie vergessen.
Wie recht sie hat.....
"Adam & Eve" war somit also genau das, was Kerstin und ich uns gewünscht hatten. Und wir hoffen und vertrauen wieder mal einfach auf die inneren Werte.

Innen ist alles wie gehabt, nur ein bißchen kleiner. Außerdem sind hier auch schon die Schuhregale in Mann und Frau aufgeteilt. Interessant!
Dafür, dass Alles ziemlich klein und eng ist, ist es dann zum Ausgleich doppelt so teuer.
Wir sind zu Allem bereit und AUßERDEM muss man ja das "korean body scrub" noch mit einrechnen, das uns Terri empfohlen und wir natürlich SOFORT dazugebucht haben, schließlich wollen wir hinterher auch so eine Pfirsich-Haut wie Terri oder wenigstens anerkenndende Worte von unseren Ehemännern haben. Was man nicht alles tut!
Auch im Umkleide-Raum deutet nichts drauf hin, was wir gleich erleben werden.
HARMLOS, uns in VERTRAUEN WIEGEND - ja EINLULLEND warm und gepflegt ist es.
Nur ein bißchen leer. Um genau zu sein - wir sind ganz alleine.

Aber auch das macht nichts, denn dann muss ich immerhin nicht wieder so krebsmäßig mit dem Rücken zur Wand laufen, um meine wirklich wirklich kleine Tätowierung zu verstecken. Als ob die immer nicht wüssten, das Menschen ,die sich so bewegen, irgendwas zu verbergen haben und deshalb AUF JEDEN FALL zur Yakuza gehören... Vorallem große Europäerinnen ohne nennenswerte Japanisch-Kenntnisse dafür aber mit einer ordentlichen Anzahl Kinder...
Bloß weil ich mal mit 20... im Urlaub... nach einer langen Nacht... aber lassen wir das. Tätowierungen, egal welchen Ursprungs gleich Yakuza gleich Onsen-Verbot oder wahlweise Krebsgang.
Hier aber: keiner da, ich kann mich also normal bewegen.
Vor uns die obligatorischen Spiegel/Reinigungsplätze. Daneben ein kleines Becken mit heißem Wasser und eines mit kaltem. Maße: Jeweils 2 auf zwei Meter.
Auch wenn uns die Archtitektur dieses Gebäudes im Prinzip schon hätte sagen müssen, dass das Alles ist, was wir bekommen, fragen wir nach, ob es einen Außenbereich gibt. Die Dame im Reinungs-Dress, die irgendwo um uns rum saugt, lacht. Wir habens uns ja auch schon irgendwie gedacht.
Oh, hab ich erwähnt, dass hier überall, bis auf im eigentlichen Baderaum, hochfloriger Teppichboden liegt? Ich finde sowas ja extrem gruselig, aber dann muss ich zugeben: hier passt es auch ganz gut zum Ambiente.
Der Baderaum selber ist weiß gekachelt. Schlachthofmäßig. Das heiße Becken macht, dass es von den Wänden und der Decke tropft. Kalt dann wieder. Es plätschert und rauscht, alles untermalt vom Sauglärm draußen. Nebel wabert. Möchte vielleicht außer mir gerne jemand entweder sofort einen Krimi drehen, oder aber ganz schnell raus hier?
Kerstin und ich setzen uns auf den Rand des heißen Beckens und harren der Dinge. Bis zu unserem "Body-Scrub" sind es noch 20 Minuten, die echt zäh vergehen, denn wir gehen natürlich davon aus, dass diese Anwendung alles andere wettmacht und selbstverständlich Inspiration für den paradiesischen Namen dieses Onsens ist.
Wenn ich doch nur rechtzeitig gegangen wäre! Wenn mir meine weibliche Intuition nur früher die drohende Gefahr signalisiert hätte!!! Wenn weibliche Intuition sich nur EINMAL dann bemerkbar machen würde, wenn man sie wirklich DRINGEND brauchen würde!!! Aber nein, da saßen wir nun, Kerstin und ich, und freuten uns.
Vor uns lag die größte psycho-physische Herausforderung, seitdem wir Kinder geboren haben.
Aber das kann ja keiner wissen.

Den Plastik-Vorhang am anderen Ende des Raumes hatten wir wohl wahrgenommen, ihn aber als Abtrennug vor technischem Gerät oder wahlweise Reinigungs-Utensilien abgespeichert.
Ein Fehler, fürwahr.
Das erkannten wir jetzt, als plötzlich hinter dem Vorhang das Neon-Licht mit einem Flackern anging.
Schemenhaft konnten wir mehrere Metall- Pritschen und die Bewegung von zwei Gestalten erkennen.Wasserschläuche wurden schwungvoll auf- und wieder zugedreht.
Unsere Gänsehaut kam nicht nur von den eiskalten Wassertropfen, die von der Dekce in unserem Nacken landeten. Jetzt endlich macht sich auch der unser INSTINKT bemerkbar! HALLO!? Wo WARST DU ABER AUCH SO LANGE????
Der Vorhang teilte sich.
Fassunglos starren wir auf das, was wir da sehen. Zwei ca 1,50m kleine, fast quadratische, mindestens 70-jährige koreanische Frauen stehen breitbeinig vor uns. Sie tragen schwarze Liebestöter-Unterhosen bis über den Bauchnabel und dazu schwarze Spitzen-BHs. Beide grinsen diabolisch, während sie die Knöchel knacken lassen. Mit einer grimmigen ruckartigen Kinnbewegung teilen sie uns mit, Ihnen zu folgen.

ICH HAB ANGST!!!!!

Selbstverständlich sprechen sie nicht mit, sondern nur über uns - in einer Sprache, die ich noch nichtmal identifizieren kann. Ihr abfälliges Lachen zwischendurch macht jede Übersetzung ohnehin völlig überflüssig. Kerstin drückt meine Hand. Ob wir uns nochmal lebend wiedersehn?

Da lieg ich auch schon auf dem Rücken.
Nackt.
Ausgeliefert.
Ich habe meine Augen und meinen Mund in Erwartung eines eiskalten Wasserstrahls oder Schlimmerem fest zusammengekniffen und stelle mir vor ich bin James Bond.
Ich bin James Bond. Ich bin James Bond.
Gut, bei James Bond sind die Frauen immer schön, schlank und sexy, vorallem die gefährlichen, - aber das ist ja auch nur ein Film, oder? Außerdem hat er immer noch wenigstens ein Handtuch umgewickelt. PAH!
Erstaunlich warm trifft mich der erste Wasserstrahl - und jetzt weiß ich auch an was mich das Ganze erinnert - es hat eindeutig was von einer Autowaschanlage.
Als das Wasser wieder aus ist, wage ich einen winzigen Blick. Durch meine halbgeöffneten Augen sehe ich, wie sich die Koreanerin genußvoll und  mit geschmeidigen Bewegungen Handschuhe überstreift.  ICH WILL HIER WEG!!!
Aber da hat sie schon eineHand auf meinem Oberschenkel  und mit der anderen fängt sie an mich zu schrubben. Aaah! Aaahh! AUAA! Oh, ich kann  nicht sprechen. Ich kann mich nicht bewegen, ich kann nur hoffen, dass dieser Albtraum bald vorüber ist. Ich bin nämlich leider gar nicht James Bond und das was sie da abträgt sind all meine 7 Hautschichten auf einmal! SCHMERZEN! Sage ich euch! Achselhaare mit der Pinzette zupfen sind ein Witz dagegen  - und wer würde sowas schon machen!!  Diese Handschuhe sind nämlich in Wirklichkeit aus STAHLWOLLE gestrickt! Ach was sage ich, gestrickt - die sind aus SCHMIRGELPAPIER! Jawohl! und zwar aus dem GROBEN! Ich glaube, mir wird schlecht.
Da wird mein Bein hochgehoben, aufgestellt, von links nach rechts gedreht, von oben nach unten geschrubbt und wieder zurück, zurück auf die Pritsche geworfen, dass es eine Freude ist.

HALLO!!! Auch wenn es sich keiner vorstellen kann - ICH LEBE NOCH!!!Wenigstens EIN BIßCHEN! Und ich kann das SPÜREN!!!!!
 Doch das, meine Freunde, das war erst der Oberschenkel!!
Und jetzt ! JETZT!!! Nimmt sie sich die Körperteile vor, die in ihrem Leben noch nicht EINMAL das Tageslicht gesehen haben.

Ich weine still.

Da haut sie mir aufs Bein, und bedeutet mir, mich umzudrehen. Immerhin ist die Schmach so rum nicht ganz so schlimm und kalt ist mir zumindest auch nicht - nein im Gegenteil - ich  schwitze.
Das merkt man vor allem am Brennen.
Nach 30 Minuten Höllenqualen werde ich von oben bis unten abgeseift - ich liege wieder auf dem Rücken und bin voller Hoffnung, dass meine Pein nun ein Ende hat, da reißt sie mir das Haargummi von Kopf und fängt an, meine Haare zu waschen. Zumindest ist das ihr Ansinnen, glaube ich.
Ein wenig scheint sie enttäuscht,  dass sie es nicht geschafft hat, mir mit ihrer Nacken-Massage das Genick zu brechen, deshalb wirft sie jetzt meinen Kopf von links nach rechts und dreht und wendet ihn, ja sie gibt alles und hört erst damit auf, als sie sicher sein kann, dass sie  mindestens ein Schleudertrauma für sich verbuchen kann.

Noch einmal mit dem Gartenschlauch drüber und fertig.

Benommen versuche ich mich aufzusetzen und blicke in Kerstins weit aufgerissene Augen. Angst spielgelt sich darin. Die Haare hängen wirr in ihrem Gesicht.
Wir sprechen nicht.
Meine Füße tragen mich erstaunlicherweise. Blut rinnt an meinem Schienbein herab (naja, fast). Die Koreanerin, die mir im Stehen nur bis zum Bauchnabel reicht, haut mir  zum Abschied nochmal kräftig auf meinen nackten Hintern. Demütigung, du hast endlich ein Gesicht!

Auf der Waage in der Umkleide stellen wir fest:
Wir haben beide mehr als 200 Gramm abgenommen. Zu wahrer Freude sind wir zu schwach.
Völlig entkräftet schleppen wir uns in den nächsten Ramen-Shop. Mitten am Tag müssen wir dringend ein Bier trinken. Dort allerdings erwachen unsere Lebensgeister wieder und wir schaffen zum Nachtisch sogar noch ein Törtchen....

Abends dann streicht mein Mann mir über den Arm (den ARM!!! Beruhigt euch wieder!) schaut mir tief in die Augen und sagt: " Also, ich finde, das wars wert - und du siehst so schlank aus!"

Ich mag ja Komplimente. Vorallem gerechtfertigte. Und das "Schlank"- Wort sowieso.
Aber wenn ich mich um 200 Gramm abzunehmen, für entweder einmal  "Korean-Body-Scrub" oder zweimal Magen-Darm-Grippe entscheiden müsste - ich würd die immer wieder gern die Darmgrippe nehmen!

Also, ihr Lieben, bis ganz bald - Sayoonara,eure Lucie

p.s.: Definitiv! JA! Auf jeden Fall!!

Freitag, 3. Februar 2012

Der Berg ruft!

Und nicht etwa IRGENDEIN Berg - nein, es ist der weltberühmte, viel bestiegene und Erfurcht gebietende - DER Fujiyama-San, kurz Fuji, und der ist eigentlich mein Freund.
Wir kennen uns zwar nicht besonders gut und auch bisher nicht persönlich, aber immerhin ich sehe ihn jeden morgen vom Schlafzimmer aus  - er mich selbstverständlich eher weniger, aber das ist auch nicht schlimm, solange er mir weiter morgens gute Laune macht und mich aus dem Bett holt. (Muss schließlich nachschaun, ob er noch da ist) DENN: Im Sommer ist er weg. Feuchte Luft plus Smog frisst Fuji-Blick. So einfach ist das.
Als wir damals das Haus gemietet haben, war April und man konnte gar nirgends wohin gucken. Höchstens auf die Häuser unten am Fluß und die sind nur 500 Meter weg, was selbstverständlich den Vermieter nicht daran gehindert hat, den horrenden Mietpreis mit dem Fuji-Blick zu begründen, der uns zu diesem Zeitpunkt sowieso noch relativ schnurz gewesen ist. Der Fuji. Bei der Miete hatten wir keine Wahl - schließlich waren wir ja selbst schuld - mit 4 Kindern nach Tokyo. Wer kommt auch auf sowas?

Keiner von uns hat den Fuji jemals bestiegen, obwohl das natürlich Pflicht ist und auch fast das Erste, was wir grundsätzlich gefragt werden, wenn wir sagen, dass wir in Japan wohnen
(gleich nach "Und? Wie ist das so mit dem rohen Fisch"?) Also, nein, da haben wir noch Bedarf - fast schon ein Trauma, weil jeder, selbst der Besuch, ist immer schon oben gewesen, nur wir wieder nicht. Außerdem gibt es ja da dieses Sprichwort:
"Man sagt, wer einmal auf den Berg Fuji steigt, ist weise. Wer ihn zweimal besteigt ist ein Narr... " Und wer von uns will nicht weise sein? Zumindest mal so tun, als ob?
Die einzige verbleibende Frage ist: "Gilt hochfahren auch?"
Oder vielmehr: Hochfahren ende Januar mit SOMMERREIFEN?
Ich hab zwar versprochen, das mit den Sommerreifen nicht zu erwähnen, aber nur damit ihr wisst, was für ein großartiger Autofahrer mein Mann in echt ist, naja und der Vollständigheit halber.....
Ich will hiermit in keinster Weise mitteilen, dass ich das für ziemlich mutig - will heißen - völlig bekloppt halte, aber MIR hat er von den Sommerreifen vorher auf jeden Fall nichts gesagt - MIR sagt ja hier sowieso keiner irgendwas!

Immerhin war aber ja Samstag, strahlender Sonnenschein und es hatte pflichtschuldigst auch schon ordentlich gewackelt - was sollte man an einem solchen Tag in Japan sonst tun, außer den glorreichen Entschluss zu fassen, am Fuji Schlittenfahren zu gehen? Wobei es ja schon ein bißchen frevelhaft scheint. Ich meine, immerhin ist es DER FUJI!!!

Aber egal - dieser Sonnenschein ist immer extrem überzeugend, verführerisch und motivierend. Alles ist möglich. Außer Schneefall. Oder sonst was Unvorhergesehenes.
Wenn Engel reisen, sag ich nur....
Gut, wenn Hutzenlaubs reisen, gehen vermutlich die Engel mal prophylaktisch in Deckung. Zumindest die, die fürs zuverlässig gute Wetter zuständig sind.

 Der Fuji ist eigentlich leicht zu beschreiben - immerhin ist es ein Vulkan.
Will heißen: Auf der einen Seite geht es rauf, oben ist ein Loch und dann geht es auf der anderen Seite wieder runter. Ganz einfach. Und ganz steil.
Und wenn es schneit, dann wird es glatt. Auch ganz einfach. Das wiederum ist eine alte Winter-Autofahrer-Weisheit. "Aber" - sagt mein Mann (und schon beim ABER krieg ich die ulitmative Ehefrauen-auf Beifahrersitz-Krise) in Tokyo sei schließlich schönes Wetter und die Straßen sicher frei. Und ER könne ja schließlich Autofahren (im Gegensatz zu mir, soll das natürlich heißen) und dann erklärt er mir, wie man sich im Falle eines Falles bei Automatik-Getriebe und glattem Untergrund zu verhalten hat, damit gar nichts passiert.Worin er selbstverständlich Profi ist.
Kollektives innerliches Augenverdrehen. Aber wir wollen alle sehr gern Schlittenfahren und ich will auf gar keinen Fall selber fahren, deshalb beiß ich mir auch auf die Lippe. Demonstrativ wenigstens.

 Unser Hinweg verläuft ruhig, Stress - weil Stau-frei, was uns schon zu denken geben sollte. Tut es aber nicht - wir finden es es einfach nur unglaublich seltsam, dass nicht ALLE auf die grandiose Idee gekommen sind, gen Fuji zum Schlittenfahren bei Sonnenschein zu reisen. Außerdem vermeiden wir überflüssiges Denken am Wochenende sowieso tunlichst. Und erfolgreich.

Am Fuße des Fuji befindet sich sowas wie ein Informations-Zentrum. Mit Wanderschildern, den obligatorsichen Souveniers und netten uniformierten Damen, die einem erklären, was man rund um den Fuji so alles erleben kann. Da ist richtig was geboten, sage ich euch!
Immerhin zwei Routen führen zu einem Kinderland mit Schneepiste (wobei es dort, laut der uniformierten Dame angeblich eher keinen Schnee hat), es gibt einem Safari-Park und man kann sich anschauen, wie weit und wie steil man theroretisch laufen muss, wenn man den Gipfel besteigen will. Was selbstverständlich nur im Juli und August geht. Ein Traum. IM SOMMER!
Wir entscheiden uns für das Kinderland  - genannt Kodomonokuni - und die Route rechts auf der Anhöhe um den Fuji rum und verlassen das Gebäude. Irgendwie ist die Sonne weg. Außerdem tanzen die ersten Schneeflocken so ganz pseudoromantisch und harmlos heimlich vom Himmel.
Wir ignorieren das, weil laut meinem Mann "kommts dahinten schon wieder ganz hell..."
Nach ca 2 Kilometern sehen wir den ersten Schnee am Straßenrand. Nach 5 Kilometern auch auf der Straße und nach 20 Kilometern fahren wir über eine geschlossene Schneedecke. Begeistert ist vorallem mein Sohn, denn der hat in seinen 4 Lebensjahren noch nie Schnee "in echt" gesehen.
Selbstverständlich müssen wir sofort aussteigen und Fotos machen, denn man weiß ja nie, wann man mal wieder soviel Schnee zu sehen bekommt.
Ich bin ein sehr sehr großer Fan von Fotos mit Autos drauf. Auto vor Schneehaufen ist quasi mein liebstes Motiv. Auch dafür auszusteigen, finde ich großartig, dabei die Autotüre weit aufzureißen  und kalte Luft samt Schneeböe herzlich in das Innnere einzuladen, macht, dass ich mich gleich nochmal in meinen Mann verliebe.  Und am Tollsten finde ich es obendrein, wenn man dann die Schiebetüre gleich offenlässt, ist ja auch viel praktischer und außerdem sieht man sonst nicht, wer im Auto sitzt und ganz ohne Aufforderung "doch mal lacht".

Nachdem wir unseren Aufenthalt vor verschneitem Straßenschild samt Auto für die Ewigkeit festgehalten haben, können wir zum Glück weiter.
Mein Mann macht das mit dem Autofahren in der Tat ganz spitze, aber ich fände es durchaus angebracht, wenn er jetzt auch die Schneeketten anlegen würde, die hier selbstverständlich Pflicht sind und die auch die paar Autos, die wir ÜBERHOLT haben, an ihren Reifen haben.
"Schneeketten? Was für Schneeketten?" sagt mein Mann und hat Glück, dass ich völlig fassungslos über deren Nichtvorhandensein, und mir außerdem völlig im Klaren darüber bin, daß  ein gezielter  Hieb gegen seinen Oberarm die Sicherheit im Straßenverkehr nicht unbedingt fördern würde.
Mein Mann ist tiefenentspannt. Ich hasse das.
Es schneit zwar mittlerweile richtig, aber er findet das großartig, denn schließlich ist er quasi mit dem Lenkrad in der Hand und Schnee unter den Füßen aufgewachsen. Pfff. Bloß weil er als Kind am Albtrauf gewohnt hat und ein motorisierten Gokart hatte. Angeber.

Leider kann man die Straßenschilder jetzt auch nicht mehr lesen, selbst wenn man Japanaisch könnte, denn eine dicke Schneehaube bedeckt die Schrift. Aber wir haben ja ein Navi und das sagt: gleich sind wir da.
Bisher sind uns insgesamt vier Autos begnet und uns ist klar - hier ist kein Mensch.
Schlecht, sollten wir hängenbleiben (Handy-Empfang gibt es selbtverständlich auch nicht - denn wir befinden uns schließlich in der wilden NATUR) - gleichzeitig gut, weil so müssen wir niemand ausweichen und keiner uns...

Plötzlich aber nach einer Kurve liegt vor uns ein riesiger Parkplatz mit Bussen und tausend Autos, zwei Skiliften und sehr sehr vielen Menschen... Wo kommen die denn alle her? Und wo SIND wir?
Eins ist klar: Das ist auf alle Fälle nicht das Kodomonokuni, sondern eine Skipiste. Das sieht man daran, dass keine Kinder dafür viele, typischerweise enorm gestylte Menschen mit Snowboard-Accessoire durch die Gegend laufen, während J-Pop in ungeahnter Dezibel-Höhe aus millionen Boxen uns kurzzeitig in eine staunende Starre versetzt. Sehr kurzzeitig, denn es muss schließlich diskutiert werden, was wir jetzt machen.
Ich würde ja gerne behaupten, wir seien flexibel - flexibel genug, um hierzubleiben und uns am Gewusel zu erfreuen, das sind wir aber leider nicht. Denn was, wenn wir jetzt nicht ins Kodomonokuni fahren, aber nachher dran vorbei und feststellen, dass es viel viel toller ist  - toller, als das hier? Und vielleicht besser für Kinder geegnet? Und außerdem haben wir es jetzt schon gesagt und versprochen und da war schon mal jemand aus Lillis Klasse und aus Marias auch und der hat gesagt, es sei ganz toll, und wir sind voll unfair!
Nicht, dass ich Autofahren gerade sehr attraktiv finde, aber die Alternative scheint jetzt für unsere Bedürfnisse auch nicht optimal, also fahren wir weiter.

Es geht auch schon wieder runter. Ziemlich kurvig und steil zwar, aber hey - wie gesagt, hier fährt der Profi, also was solls, und bisher sind wir gut durchgekommen. Mittlerweile vertraue ich ihm fast.
Den japanischen Fujji-Straßen allerdings weniger, denn die sind: Schmal, ohne Bordstein, dafür mit ca 1 Meter tiefem Graben auf der Bergseite und Abhang auf der Talseite. Einzig an Flüßchen oder Steilhängen findet man eine zarte Alibi-Leitplanke, dann einen tiefen Graben und dann den freien Fall... Einmal ins Rutschen geraten und man kann nur hoffen, dass man auf der Bergseite landet.

Auch hier ist nach ca 25 Kilometern die Schneegrenze wieder erreicht und die Straßen werden freier. Außerdem schneits nicht mehr. Beim Kodomonokuni hat es also konsequenterweise auch keinen Schnee. WIE GUT, DASS WIR NACHGESCHAUT HABEN!!
Der Schlittenfahr-wütige und nach wie vor unflexible Familienrat beschließt: Wir fahren zurück.
ICH halte mich da jetzt raus. Schließlich hatte ich als Kind auch kein Gokart sondern nur Bücher und Puppen.
Jawohl. Da lernt man früh im Rollenspiel, VERANTWORTUNG zu übernehmen! Theoretisch.
Praktisch fährt ja immer noch mein Mann. Und der sagt auch. "Zurück".
Ich finde, man kann nicht oft genug betonen, dass AUF MICH JA KEINER HÖRT - WAS ABER SICHER SEHR VIEL BESSER GEWESEN WÄRE!!!!

So. Das Ganze also wieder zurück. Schneegrenze. Schneeketten- bezogenene Personenkraftwagen. Kurven. Mittlerweile ist es meiner Meinung nach noch ein wenig kälter geworden. Und dennoch: Zwischenfallsfrei erreichen wir den Parkplatz. William ist total aus dem Häuschen über soviel frei rumliegenden SCHNEE!!!
Wie überall in Japan sind solche Freizeitaktivitäten ziemlich teuer, aber hey, man ist nur einmal jung und ich fahre jetzt auch nicht gleich wieder da runter, bloß weil wir auf einmal finden, 100 Euro für eine 20m lange Schlittenbahn sei zu teuer! Das könnt ihr mit mir nicht nicht machen!
Immerhin bekommt man für den Preis einen Plastik-Bob und man kann das Skilift-Förderband für die Ski-Anfänger mitbenutzen. Das ist doch quasi dann geschenkt!
Ja, am Albtrauf ist das Schneevergnügen natürlich umsonst, aber DA ist ja sowieso alles besser.

Was ich nur so halb verstehe, ist, dass mitten auf der Schlittenbahn so ein orangenes Netz gespannt ist, das einen nach 10 Metern zwingt, aufzustehen, darum herum zu laufen und dann erst weiter zu fahren. Möchte man die ganzen 20 Meter am Stück fahren, muss man jemand finden, der einem das Netzt hochhebt und auf einen günstigen Moment wartet, denn diese enorm wichtige Sicherheitsvorkehrung wird selbstverständlich gut bewacht - nicht, dass sich einer darin verfängt oder sonstwie mit Schnee, Bob oder dem Leben nicht klar kommt. Das Hochheben des Netztes ist ganz klar im Regelwerk für Schlittenhangbetreiber nicht vorgesehen und somit strengstens verboten. Sowie auch das Runterrodeln auf Nebenhängen, die unberührt und frei von Skifahrern, Liften und Netzen ganz laut in unsere Richtung rufen"KOMM!" Nix darf man wieder! NIX!
Wir riskieren eine mehrfach eine Verwarnung (die natürlich immer überaus höflich vorgebracht wird) und schützen vor, nichts zu verstehen.
Irgendwann aber kommt leider ein englisch-sprachiger Lift-Mensch und erklärt uns nochmal langsam und deutlich, dass wir das Wohl der Menschheit aufs Spiel setzen, was natürlich hier auf keinen Fall gebilligt werden kann. Dazu braucht er theoretisch noch nicht mal Worte. Japanische Pantomime kann man einfach nicht falsch verstehen. Es reicht, die beiden Hände nachdrücklich vor der Brust zu überkreuzen, den Kopf schiefzulegen und die Luft durch die Zähne zu ziehen...
Na guuut. Wir gehen ja schon außenrum und haben auch gar keinen Spaß mehr.Versprochen.

Wie erwartet, kann man damit meine Kinder aber auch nicht länger als eine Stunde fesseln (und das ist schon echt lang, wenn man bedenkt, dass keiner von denen eine Skihose hat (JA! Ich weiß! das wäre besser gewesen, aber für einmal Schlittenfahren in 3 Jahren braucht man sowas wirklich nicht, oder?)
Ok. Es ist viel Geld für eine Stunde und manche verbringen hier den ganzen Tag, aber die haben auch Skier oder Snowboards dabei, mögen Japanische Pop-Musik und haben SCHNEEKETTEN, was bedeutet, sie müssen nicht die ganze Zeit innendrin hysterisch an die Heimfahrt denken, so wie ich.
Aber jetzt schneits ja auch endlich wieder. Dicke Flocken machen jegliches Schlittenfahren - und sei es auch noch so langsam - unmöglich, man sieht einfach gar nichts mehr.
Selbst Holger findet, man könne jetzt gehen, um nichts zu riskieren, außerdem hat er Hunger.
In meinem mütterlichen Eifer hatte ich immerhin heißen Tee und Gummibären eingepackt, aber das kann natürlich nicht mit einer Pizza mithalten, die wir am Fuße des Fuji zu uns zu nehmen gedachten. War zwar erst 4 Uhr Mittags und die Pizzeria macht um halb sechs auf - aber beim Fuji gibt es auch ein riesen Outlet mit Gap und Starbucks und ... genau das Richtige, um sich ein wenig AUFZUWÄRMEN....
Den Weg kannten wir ja jetzt. Neu war allerdings, dass sich bereits an der ersten Leitplanke ein Kleinwagen in dieselbe gebohrt hatte. Das Auto vorne komplett eingedrückt, die Airbags offen. Auf meine Geste, die da  heißen sollte "brauchen sie Hilfe?", lächelten die zwei jungen Insassen freundlich und streckten mir die Daumen entgegen.
Hier ist es wohl so, dass man dann die Polizei ruft und wartet, bis sie kommen, solange aber das Auto nicht verlässt, um sich selbst nicht zu gefährden.
Hmmm. Ich wäre ja ausgestiegen und hätte irgendwas Sinnvolles geholfen, aber bei Holgers Bremsversuch machte das Auto komische Geräusche und rutschte selber ein bißchen. Nur ein bißchen. Aber genug, um solche Manöver in Zukunft zu unterlassen.
Am Straßenrand stehen doch jetzt einige Autos (mit Schneeketten und ohne) und wir fragen uns: Was machen die da?

Mittlerweile weiß ich es: Sie warten.
Nur: AUF WAS?
Gestreut wird hier nicht. Geräumt schon, aber nur selten und jetzt sowieso nicht mehr, weil die Straßen ja von stehengebliebenen Autos verstopft sind. DAS haben wir ja wieder GROßARTIG hingekriegt.
Vorsorglich haben die Menschen in den Autos Decken über sich gebreitet, trinken Tee und harren der Dinge. WOLLEN DIE DA DIE GANZE NACHT BLEIBEN? Und: Was wird denn dann aus uns???

Für Rumsitzen und Warten haben wir aber gar keine Zeit, denn wir haben ja schließlich Hunger.
Noch kann man auch vorsichtig auf der rechten Straßenseite, also der für BERGAUF, an den Autos vorbeifahren. Die ist nämlich frei. KOMISCH....
Ich habe einen akuten Anfall von Respekt vor den Fahrkünsten meines Mannes und diesmal meine ich es echt so. Morgen kauf ich sofort 4 motorisierte Gokarts, versprochen! Wenn wir das hier überleben.
Leider können auch wir jetzt nicht mehr weiter, weil links alles steht und ab und zu doch ein Polizei-Auto oder ein Abschlappwagen nach oben fährt. Wozu eigentlich? Die kommen ja dann auch nicht mehr runter??? Aber ich muss nicht alles verstehen. Nein, muss ich nicht. Ganz ehrlich, besteht auch keine Gefahr.
Noch sind wir alle guter Dinge - vorallem Holger, weil so langsam ist klar, dass er jetzt nicht die Zeit bis zur Pizza mit Shoppen überbrücken muss.
Maria muss aufs Klo und das ist doof, weil sie jeder sehen kann hinter ihrem Busch, aber sonst haben wir keine Probleme.
Das heißt, Maria dann schon, denn aus dem Auto aussteigen bedeutet quasi, sofort in den Schlittschuh-Modus umschalten zu müssen. Und jetzt weiß ich auch, warum die Leute in ihrem Autos bleiben. Scheiße! Das ist ja spiegelglatt!!!!!!
Das hätte mir Maria auch sagen können, die den Weg zurück zum Auto auf Knien und Händen zurücklegt.
Es wird langsam dunkel. Und es bewegt sich hier  GAR NICHTS.
Kurze Standortbestimmung: Wir befinden uns im Navi-Niemandsland. Selbst wenn wir weit nach oben und nach unten scrollen, gibt es keinen Ort, kein Haus, und schon gar keine Pizzeria, die uns mit ihrem warmen Lichtschein willkommen heißt. Aber so kann das nicht weitergehn. Wir können ja schließlich nicht hier  übernachten? Wobei? Was haben wir denn für eine Wahl?
OH -WIR HABEN EINE! GROßARTIGE, SCHLAUE SPITZENWAHL!!! Natürlich kommt die Idee von meinem MANN! Der nämlich schickt mich mit meinem Handy in die KÄLTE auf die SPIEGELGLATTE Fahrbahn: Ich soll mal ein bißchen vorauslaufen und schauen, ob die Straße frei ist, und ihn dann anrufen (wobei wir selbstverständlich immer wieder Empfangslücken haben, die er MIR PERSÖNLICH vorwirft! Als ob ich sie gefressen hätte! HA!), dann fährt er so lange es geht und immer so weiter, bis wir schließlich glücklich und zufrieden am Fuße des Berges angekommen sind.
SPITZE. Ich laufe also los, am Fahrbahnrand gibt es auch tatsächlich  noch ein bißchen Schnee, auf dem man unfallfrei gehen kann und komme an eine Kreuzung auf der sich ca 7 Fahrzeuge ineinander verkeilt haben. Da klingelt auch schon mein Telefon."WARUM RUFST DU MICH NICHT AN?" Ja, warum eigentlich nicht? Vielleicht, weil ich damit beschäftigt bin, nicht auszurutschen und mir zu überlegen, wie er jetzt da durchkommen könnte?
"EGAL, ICH BIN SCHON LOSGEFAHREN, WO KANN ICH DURCH?"
Aaaahhhhh, woher soll ich das wissen? Vorallem jetzt, wo sich direkt vor mir ein Lastwagen aus der Schlage löst, und losfahren will?
ICH BIN GLEICH HINTER DEM LASTWAGEN sagt mein Mann und dann bricht die Verbindung ab - macht auch nichts, denn ich kann jetzt eh nicht mehr telefonieren, der LKW kommt nämlich ins Rutschen. Immer wieder sehe ich unseren silbernen Bus dahinter auftauschen und auch Holgers Bemühungen, seine zahlreichen Gokart-Erfahrungen anzuwenden.
Da entscheidet sich der Lastwagenfahrer klugerweise für die Bergseite und lässt sich einfach an den Berg rutschen. Gut für ihn. Schlecht für uns. Holger kann natürlich auf keinen Fall bremsen. Es gibt aber nur einen Weg an dem LKW vorbei, doch da laufe ich ja noch - und habe auch keine Wahl, denn wir befinden uns an einer dieser Leitplanken-vor-Abgrund Stellen.
Da reißt die Brut das Fenster auf und brüllt:"MAMA!!!! SPRING!!!!!"
Die opfern mich!!!! Das denke ich natürlich in diesem Moment nicht, sondern wie immer gar nichts, und ich bringe mich mit einen total James-Bond mäßigen Sprung über die Leitplanke in Sicherheit. Ok. Da gings jetzt auch nicht ganz so weit runter. Nur vielleicht 1 Meter, aber das konnten die ja gar nicht wissen.  Dafür hab ich die Kinder gerettet. Und den Mann. UND das AUTO! Sogar!
Aber auf MICH hätten sie gut verzichten können. Da muss ich nochal drüber nachdenken.

Irgendwo hat Holger einen Platz unter einer Laterne gefunden, an dem der Boden frei ist und da steht er jetzt und wartet auf mich. So geht das nicht weiter. Das ist ja richtig GEFÄHRLICH!!!
Nachdem ich mir Tannennadeln und anderes Geäst von der Jacke geklopft und meine ZAHLREICHEN Blessuren gezählt habe, mache ich mich auf, um mit meiner Familie gemeinsam am Fuji zu nächtigen.
Da habe ich allerdings nicht mit meinem Mann gerechnet, der schon aus dem Auto ausgestiegen ist und sagt: "Jetzt geh ICH mal". So, als ob das jetzt endlich mal richtig gemacht werden müsste. Tssss.
Kaum ist er ein paar Minuten weg, setzt sich der Verkehr in Bewegung! Das gibts doch nicht! DIE FAHREN JA!!! Und von meinem Mann weit und breit keine Spur.
Sein Telefon ist AUS! OH, wie ich ihm jetzt gerne den vorher versäumten Hieb verpassen würde!!!
Die Mädels finden, ich solle halt dann jetzt mal endlich auch mal fahren. Aber das hier ist ein BUS! Und ich hab SCHIß!!!!
Aber was DER kann, kann ich auch, oder? Ich komme zwar nicht vom Albtrauf sondern aus Aichschieß aber ich hab ja jetzt lang genug zugeschaut, oder?

Ich rutsch also rüber. Das Auto leider auch.

Hiermit sind wir Zeugen eines zwei-Sekündigen Versuchs geworden, der eindeutig gescheitert ist. Immerhin hab ich dabei nix kaputt gemacht.

Holger kommt und ist zuversichtlich - gut, das 10%ige Gefälle in Kombination mit den Haarnadelkurven ist schon unangenehm, plus die vielen stehenden Autos, aber er traut es sich zu. MEIN MANN - EIN HELD!!!!

Wir fahren. Nicht weit. Denn wir haben zwar eine Kurve bewältigt, aber vor uns hat sich ein Bus in den Graben geneigt und an dem kommen wir jetzt einfach nicht mehr vorbei. Rechts geht zwar eine kleine Straße ab, aber die ist komplett unbeleuchtet und wer weiß, ich sehe uns ja schon wieder in irgendwelchen Schlagzeilen, aber diesmal ohnne selber dazu was sagen zu können. SCHLUCHZ!
Plötzlich kommt ein minikleines Auto mit Ketten an uns vorbeigefahren und hält an der Abzweigung. Der Aufkleber auf dem Auto zeigt den Fuji - und ein Auto im Straßengraben. Das habe ich verstanden. EIN ECHTER RETTER!!!
Offensichtlich haben wir uns den allerbesten Standort ausgesucht, denn über die kleine Straße kommen wohl die ganzen Abschleppwagen, die die Japaner aus ihren Autos angerufen haben, um sich abschleppen zu lassen und auf die sie jetzt mit tee und Decke warten.
Noch besser (zumindest für uns) ist, dass diese Abschlepper gar nicht bis zu ihren Kunden durchkommen. Aber - und jetzt bin ich richtig glücklich - sie bieten an, uns für 10.000 Yen (also ca 100 Euro) in die Stadt zu schleppen! DAS finde ich, IST DER BESTE VORSCHLAG, DEN MIR HEUTE EIN MANN GEMACHT HAT!
MEIN Mann hingegen ist fast ein bißchen beleidigt. Immerhin hätte ER da SELBSTVERSTÄNDLICH auch runterfahren können, wenn er gewusst hätte, dass es da auch in die Stadt geht und keiner im den Weg versperrt.
Aber wir sagen ihm alle und meinen es auch so - dass er das ganz großartig gemacht hat!
Und er kriegt auch nach der Pizza noch einen Nachtisch und ich den obligatorischen Schnaps.

Ja, so geht ein weiterer, ganz gewöhnlicher Tag im Leben der Familie Hutzenlaub zu Ende...
Und wenn sie nicht erfroren, abgestürzt, oder überfahren worden sind, dann machen sie vermutlich bald wieder einen Ausflug....
Also, ihr Lieben, bis ganz bald - Sayoonara, eure Lucie

p.s.: Ich muss noch was richtigstellen: Noch lieber, als "Auto vor Schneehaufen" mag ich jetzt das Motiv "Auto auf Abschleppwagen" -

"Holger! HEE! HOLGER!!! Lach doch mal!!!!"
pps: und im Sommer versuch ichs nochmal mit meinem Freund dem Fuji - dann aber zu Fuß. Ohne Kinder. Und ohne Mann. Die wollten mich ja eh loswerden!

Freitag, 13. Januar 2012

a oder u? Auf alle Fälle "Lost in Trainstation...."

Die Ferien sind vorbei - es leben die Ferien!!! Nicht, dass ich nicht gerne ausschlafen würde, oder dass ich meine Kinder unerträglich finden würde, also grundsätzlich, wirklich nicht. Aber drei Wochen sind echt lang, vorallem, wenn man eine Woche vor Schulbeginn wieder nach hause kommt und keiner sonst da ist.
Ist ja nicht so, dass es hier nichts zu tun gäbe, die Kinder brauchen nur ungefähr genauso lange wie ich, in ihren Alltag wieder reinzufinden.
Sie sind noch in dem Modus, in dem sie denken, "was für die Schule tun" heißt, die ollen Pausenbrote von vor drei Wochen aus der Tasche zu räumen. Das Maximium an Lerneinsatz ist, das Vokabelheft dabei zu haben und vor sich auf den Tisch zu legen. Natürlich geschlossen. In der Hoffnung, Osmose würde auch in Hinblick auf ein volles Vokabelheft und ein leeres Hirn funktionieren.(Aus meiner eigenen Schulzeit weiß ich, das tut es nicht).
Ja, sehr gerne hätte ich mal wieder Kinder, die freiwillig was lernen oder am Liebsten: Kinder, die in der Schule UNTERFORDERT sind. Ja, glaubt mir, zwischendurch wäre das sehr sehr angenehm. Aber bei dem Genpool, aus dem sie enstammen, eher unwahrscheinlich. Zu gern würde ich mal behaupten, ich fände, eine 3 sei eine schlechte Note. Also, es ist ja nicht so, dass meine Kinder schlecht in der Schule sind. Richtig schlecht meine ich. Maria ist gut in Sport, Paulina ist gut in Musik und Lilli ist gut in Trickfilm. Ist das etwa nichts?
Aber darum gehts ja jetzt auch gar nicht.
Fakt ist:
Die Kinder langweilen sich. Ich langweile mich. Wir langweilen uns.
Nicoles Ferienprogramm ist auch schon abgeschlossen und auch deren Mann wieder bei der Arbeit, so dass wir entscheiden, mit ihr und ihren 2 Söhnen zusammen Schlittschuhlaufen zu gehen.
Katrin hat mir eine Schlittschuhbahn in Asakasa ans Herz gelegt.
Um genau zu sein, hat sie mir den Namen sogar gemailt. Katrin trifft also nicht die geringste Schuld.
ICH war es, die Asakasa gesehen aber Asaksa (geschrieben Asakusa) wahrgenommen hat. Oder heißt es gar nicht Asakasa sondern Akasaka? Ich bin immernoch überfordert. Akasaka, Asakasa, Asakusa.... Same difference. Es sei denn, es gibt nur an einer Stelle eine Eisbahn, was logischerweise der Fall ist, aber davon wusste ich ja bis zu diesem Zeipunkt noch nichts und war dementsprechend motiviert, gut gelaunt und entspannt.

Wenn man in Tokyo U-Bahn fahren will (und das will man, weil mit dem Auto gibt es, wie wir wissen, nicht nur mitten in der Stadt millionen Möglichkeiten, verloren zu gehen), dann braucht man als erstes den "Jorudan". Der Jorudan ist ein simples Fahrplan-Programm (und zwar auf englisch!),
bei dem man Ursprungs- und Ziel-Bahnhof eingeben kann, und dann weiß man Alles: Wo man umsteigen muss, wie lange es dauert und wieviel es kostet.
Nach Asakusa dauert es von uns aus 55 Minuten. Eigentlich wäre es natürlich sehr nett gewesen, wenn ich zu diesem Zeitpunkt meinen Irrtum bemerkt hätte, aber wie soll ich denn bitteschön stutzig werden, wenn es diese Station GIBT und ich eine sinnvolle und erträgliche Verbindung von der uns am nächsten gelegenen Yoga-Station angeboten bekomme?
Yoga lässt sich immer gut identifizieren, denn der Bahnsteig ist blau gekachelt, was man wissen muss, wenn man a die Durchsage nicht versteht - worauf eh keiner mehr hofft oder b das Auge auch kein Schild erblickt, dass einem auf englisch sagt, wo man ist oder c ein Kind ist und sich jenseits von "blau" auch nicht viel mehr - wie zum Beispiel den Namen der Station oder Ähnliches- merken kann). Freundlicherweise ist auch Yoga die einzige blau gekachelte Station der Denentoshi-line. Alle anderen sind gelb, rot oder lila - durchdacht ist das und hilfreich kann ich euch sagen.

Meine Kinder bis auf Paulina fahren eingentlich nie U-Bahn. Schon gleich gar nicht alleine. Das heißt, ich erinnere sie nochmal prophylaktisch an die blauen Kacheln und fange mir von Pauli ein ziemlich überhebliches Lachen, von Maria einen genervten Blick und von Lilli gar nichts ein, denn die ist sehr damit beschäftigt, sich auf einem Platz für Schwangere und gehandicapte Menschen ihren Raum zu erobern. Während William verlangt, aus Spaßgründen an die Haltegriffe an der Decke gehängt zu werden und ich versuche, nicht einzuatmen, weil ich diesen japanischen Mottenkugel-Wintermantel-Geruch so früh am Morgen nicht so gut ertragen kann. Oh, hab ich schon erwähnt - die Bahn ist natürlich brechend voll, schließlich ist es halb zehn, allerbeste Arbeitsweg-Zeit für den japanischen Durchschnittsbürger.
Wir sind genau 17 Minuten unterwegs und ich bereue. Ich will mich bitte wieder langweilen! Langweilen ist doch eingentlich gar nicht so schlimm? Ja, gesund gar, wenn man manchen Pädagogen glauben schenken darf?
Aber die Kinder freuen sich wirklich sehr und ich kann ja auch nicht immer nur eine Rabenmutter sein, die findet, in einer Familie mit 4 Kindern gibt es immer einen Spielkameraden und deshalb müsse man nicht auch noch künstlich Aktivitäten kreieren. Einfach so zum Spaß. Wo kommen wir denn da hin?
Und außerdem fällt mir jetzt ein, KANN MANN IMMER NOCH 20 KÖRBE WÄSCHE ZUSAMMENLEGEN ODER SICH SONST WIE IM HAUSHALT NÜTZLICH MACHEN. Und nein: OHNE BEZAHLUNG was die Kinder betrifft! Mich sowieso.
Nicole ist erst das zweite Jahr in Tokio und dementsprechend noch nicht so viel Bahn gefahren, weshalb sie auch ein bißchen unsicher war, ob das mit dem Umsteigen klappt.
Ich habe ihr natürlich großspurig erklärt, das sei alles kein Problem und überhaupt, wenn ich das bewältigen kann, dann kann es ja wohl sowieso jeder und wir  würden uns dann am Ausgang 3b (laut Katrin) draußen treffen, da würde man die Eisbahn schon sehen.
Tokio 2007: Asahi-Brauerei von Ralf BürkleAbgesehen davon haben wir alle Handys und somit kann gar nichts schiefgehen.
Das erste Mal wurde ich ein wenig unruhig, als ich in Asakusa zwar einen Ausgang 3 entdeckte, aber das b dazu nicht vorhanden war. Auch fiel mein Auge nach dem mühsamen Aufstieg keineswegs auf eine Eisbahn, sondern vielmehr auf eine lange Reihe Rikschafahrer und auf die Asahi-Brauerei, die auf ihrem Dach eine goldenen Schaumkrone hat.  Also wenn ihr mich fragt, muss man das mit der Schaumkrone auf jeden Fall dazu sagen, oder? Ich finde, es sieht eher aus, wie Zahnpasta - oder Schlimmeres.

Aber ja, ich wil nur ablenken.
Ok. Langsam dämmert mir, dass es sich hierbei um das falsche Ziel handeln könnte.
Irgendwann hatte ich schonmal einen ähnlichen Fehler gemacht (vermutlich nicht nur einmal) und aus den tiefen Abgründen meiner Erinnerung bahnte sich langsam die unangenehme Wahrheit ihren Weg in die Erkenntnis: "Scheiße, hier sind wir falsch".
Doch ja, ich muss es leider zugeben, das "Sch" Wort hab ich gedacht. Ganz laut hab ich das sogar gedacht!
Der hektische Abgleich mit Katrins Email bestätigte mir mein Versagen, und auch
der extrem hilfsbereite (und ansatzweise englischsprachige) Rikscha-Fahrer, den ich quasi anfiel, schaute sogleich sehr mitleidig, als er mir mitteilte, das von mir anstrebte Akasaka sei wo ganz anders (ÜBERRASCHUNG!!!!), auf Navi-Deutsch: Wenn möglich, bitte wenden......
Nein, leider reicht es noch nicht mal, einfach wieder zurückzufahren, man muss, um von Asakusa nach Akasaka zu kommen, zweimal umsteigen (dabei einmal in unsere Heimat-Linie, grrrr) und ist dann innerhalb von einer weiteren Stunde zwanzig Minuten am Ziel. Aaaaahhhhh!
Für manche ist es nur ein anderer Buchstabe - für uns sind es INSGESAMT 2,5 STUNDEN!!!!!!
ICH WILL MICH SOFORT WIEDER LANGWEILEN!!!!!!

 Uh, da fällt mir auch Nicole wieder ein und es fragt sich jetzt nur, ob sie ebenfall hier landen würde, oder ob sie ein glücklicher Zufall nach Akasaka/Asakasa leiten würde.
Diese Frage ist schnell beantwortet, denn offensichtlich liest sie ihre Emails aufmerksamer als ich, denn keine Minute später sehe ich ihren Blondschopf und die Jungs am Ausgang von Gate 3.  Zum Glück können wir sie wenigstens davon abhalten, rauszukommen, denn dann muss sie wenigstens nicht bezahlen. Das ist überhaupt das Tolle an der Tokioter U-Bahn: Man zahlt immer nur die Entfernung von Gate zu Gate. Man kann also (wenn man die Bahnsteige nicht verlässt) ewig in Tokios Untergrund rumfahren. Wenn man dann an am Schluss an einer gnz nahen Station wieder aussteigt, zahlt man nur die Entfernung, nicht die gefahrenen Kilometer. Genial, was?
Also, für Menschen wie mich, die sich selbst mit der Bahn verfahren können , auf jeden Fall eine gute Idee.

Nicole und die Jungs waren ganz entspannt und auch kein bißchen schadenfroh, was man ja Mneschen in solchen Situationen durchaus zugestehen -  und wenn ich jetzt von mir auf andere schließen würde - von ihnen auch erwarten würde....
Meine Mädels finden es extrem spannend, dass jetzt Jungs in ihrem Alter dabei sind und benehmen sich dementsprechend, aber so haben wenigstens die Japaner, die in unserem Abteil sind auch mal eine nicht ganz so langweilige Fahrt. Ich schäme mich nur minimal und bekomme Kopfschmerzen. Das ist ja wohl die Mindeststrafe für einen solchen Ausflug.

Endlich erreichen wir unser Ziel samt Ausgang drei B. Unser Blick fällt auf ein zwanzig mal zehn Meter großes Areal, das zur Eisbahn umfunktioniert wurde.
An einem Automaten kann man Kärtchen ziehn. Ich bin entzückt, bin ich doch mittlerweile ein Kärtchenzieh-Profi. Mit den sechs Kärtchen in der Hand trete ich einen Schritt nach links und darf alsbald 5 paar Schlittschuhe entgegen nehmen.
Schlittschuhlaufen für Erwachsene samt Schuhen kostet 1500 Yen (im Moment ca 15 Euro) und für Kinder 1000 Yen. Endlich mal kommt Paulis Schülerausweis zum Einsatz und sie geht als Kind durch. Obwohl ihr der Erwachsenenstatus durchaus die 500 Yen wert gewesen wäre, was man aus unserer Diskussion heraushören kann und die Schlange hinter uns auch nicht kürzer macht. ICH LIEBE MEINE KINDER! ICH LIEBE FERIEN! UND ICH LÜGE NIE!!!!!

Wir haben zwar alle Handschuhe dabei, aber sonst könnte man zur Not am Automaten nebenan für 300 Yen auch welche ziehen. Schade, dass ich mein Handy samt Kamera schon eingeschlossen habe, sonst würde ich davon für euch ein Foto machen, aber es kostet jedesmal hundert Yen, wenn man das Schließfach aufmacht, was ich weiß, weil ich meine Handschuhe mit eingeschlossen habe. Und dann meine Sonnenbrille. Und dann meinem Geldbeutel, das war besonders schlau.

Ich weiß auch, an was das liegt: Es ist schon weit nach MITTAG. Um genau zu sein, viertel nach zwei (jaaa, so lange hat es nämlich gedauert, bis wir endlich da waren) Und ich habe Hunger! Das gebe ich natürlich nicht zu, vorallem nicht jetzt, wo endlich alle ihre Schlittschuhe anhaben, aber trotzdem funktioniert mein Gehirn eben nur auf einer gesunden Basis von Kalorien und Kaffee.
Egal. Ich kann mich zusammenreißen, solange die Kinder nicht auf den selben Gedanken kommen.
Ich begebe mich also aufs Eis. ICH KANN DAS!
Ich schon, aber William nicht. Mit Schlittschuhen bin ich aber fast 2 Meter groß und William immer noch ein kleiner Pimpf. Außerdem bin ich über 40, es ist kalt und ich habe seit mindestens 4 Stunden nichts gegegsssen. Will heißen, meine Bemühungen, ihn zwischen den Knien eingeklemmt und unter den Armen festgehalten, übers Eis zu bugsieren, ist nach einer Runde (und die Runden sind klein) schmerzhaft. Aber wer, wenn nicht eine liebende Mutter wie ich, ist gwillt, eigene Schmerzen und Bedürfnisse zurückzudrängen, um dem Kind das mühelose Gleiten übers Eis zu ermöglichen? Na? Niemand natürlich. Außerdem kann weder von "mühelos" noch von "gleiten" die Rede sein....

Abgesehen davon tun William nach dieser Runde sowieso die Füße weh und er will sofort aufhören.
Eine Runde schiebe ich hin noch gegen seinen Willen (das arme Kind ist leider ohne meine Halte-Schieb-Stütze völlig hilflos) aber dann, nach den teuersten 10 Minuten seiner Eislaufkarriere gebe ich mich geschlagen und Williams Schuhe zurück.
Zum Glück werden wir auch just in diesem Moment alle von Eis gescheucht, denn es ist halb drei und um diese Zeit wird immer der Belag erneuert.
Ich fahre noch schnell alleine eine klitzekleine Runde in der ich langsam wieder versuche, mich zu meiner vollen Größe aufzurichten, während William am Rand steht und heult, weil er findet, wenn er aufhört, muss selbstverständlich auch ich aufhören, außerdem ist sein Blick mittlerweile auf ein großes gelbes M auf der anderen Straßenseite gefallen, was dazu führt, dass ihm einfällt, wie hungrig er eigentlich schon seit Stunden ist und nur nichts zu Essen bekommen hat, weil seine blöde Mutter wieder nur ihren eigenen Spaß im Sinn hat und nie nie sich um ihre Kinder kümmert.

Die Mädels und Jungs  haben zwar dann doch auch ein bißchen Hunger, wollen aber auf jeden Fall noch fahren (ich meine, eine Anreise von ZWEIENHALB STUNDEN rechtfertigt durchaus auch den Wunsch, länger als 15 Minuten Schlittschuh zu fahren, aber HUNGER ist immer auch ein Argument, das sich allerdings vorrübergehend aushebeln lässt, in dem wir alle in den praktisch am Bahnenrand und provisorisch mit Gummimatten ausgelegten Starbucks strömen und meine Kinder eine Sahne-karamell-Milch zu sich nehmen. Ich sage euch, das Zeug ist so süß, da zieht es sebst mir alles zusammen. Natürlich braucht jeder eine eigene - die er genauso natürlich nachher stehen lässt, weil erst  zu heiß und dann kann nich mehr... Oh, ich liebe das. Vorallem, weil ich dann alles austrinke. Nicht, dass ich das unbedingt müsste, ich kann ja auch noch nichtmal behaupten, ich sei schließlich Kriegsgeneration, aber da ist was in mir, das Essen ganz schlecht stehen lassen kann. Und glaubt mir, auch wenn eine Karamell-Milch als Getränk daher kommt, ein Becher davon hat mindestens soviele Kalorien wie eine komplette Mahlzeit und vermutlich genauso wenig Nährstoffe wie ein Kids Menu bei MC Donalds....

Nicole ist Knie-geschädigt und somit fährt sie nicht, was natürlich wiederum für mich toll ist, weil dann kann William bei ihr bleiben, solange ich mit den Kindern fahre.
Lilli möchte gerne an meiner Hand, und Maria rückwärts geschoben werden (was selbstverständlich verboten ist, denn wir sind in Japan und da gibt es Regeln. Regel Nummer eins: Alle in die selbe Richtung und mit Blick nach vorne.
Im Grund genommen ist das auch schlau, denn seitdem das Eis wieder befahrbar ist, drängen sich die Leute hier. Die die fahren können, fahren Schlangenlinien durch die, die es nicht können, was aber selbstverständlich nicht gerne gesehen wird (aber, da Regel Nummer eins ja befolgt wird, nicht wirklich angemahnt werden kann), und die die es nicht können, halten sich gerne am Rand fest oder legen sich einmal quer über die Bahn. Wir befinden uns alle in dem Zwischenstadium und fahren Schlangenlininen solange bis wir uns querlegen.
William heult immer noch, weil er jetzt doch lieber wieder fahren will, aber ich kann das gut ignorieren, denn was ich noch gar nicht erwähnt habe: Wir werden auch beschallt.
Und zwar wurde diese Bahn offensichtlich von einer Automarke gesponsert, deren Werbefilm auf einer Großbildleinwand hinter uns in der Endlos-Schleife läuft und von ein paar Takten "time to say goodbye" von Bocelli untermalt wird.  ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN! Aber es deckt zugegebenermaßen gründlich das Geschrei meines Sohnes ab.

Nachdem jeder einmal hingefallen ist und ich dann doch ein schlechtes Gewissen habe, weil meinem Sohn mittlerweile nur noch stumm die Tränen aus den Augen rinnen, geben wir auf.
Der Hunger ist stärker, es ist zu eng, die Knie tun weh und es ist kalt. Was hatten wir Spaß!
Außerdem hat sich bisher keiner ernsthaft wehgetan (von ziemlich blauen Knien mal ganz abgesehen) und man soll sein Schicksal nicht herausfordern, schon gleich gar nicht, wenn man zu meiner Familie gehört.

Die Ramen-Suppe am Bahnhof weckt alle Lebensgeister und deshalb entscheidet sich Paulina ganz spontan, in Shibuya auszusteigen, um die Ohrringe bei H&M "kurz" zu kaufen, die sie letztes Mal gesehen hat. Und, ein Wunder, sie fragt ihre Schwestern, ob sie mit wollen. Das gabs noch nie!Lilli mag gerne und Maria kann nicht, weil sie nämlich noch Paulinas Rad bei ihrer Freundin abholen muss, dass sie, ohne zu fragen, dorthin mitgenommen und dann vergessen hat ("aber nicht drüber schreiben, Mama, Ok? Und wenn, dann darfst du auf gar keinen Fall sagen, wie sauer Paulina auf mich war, Ok? Weil eigentlich passiert mir sowas ja nie, oder? Gell? OK?" - mhmmhm naja)
So trennen sich also unsere Wege bei der nächsten Station. William und ich fahren nach Hause, Nicole und ihre Jungs auch, nur in die andere Richtung, Maria muss noch eine Station weiter und Pauli und Lilli gehen noch "kurz" shoppen.

Ich bin noch nicht mal halb zur Türe rein, da ruft mich Paulina an, um mir mitzuteilen, dass Lilli weg ist. Verschwunden.

Ok: Atmen. Denken. Atmen. Das hier ist Tokio. Die U-Bahn. Aber immerhin weiß Lilli vielleicht noch, dass Yoga blau gekachelt ist. Hoffe ich.
Wir befinden uns wieder in der Rush Hour - diesmal natürlich in die andere Richtung und Paulina (1,80 groß, 16 Jahre alt, ca 60 kg schwer - wohlwollend) hat gesehen, dass da gerade ein Zug kam und  sich noch schnell reingequetscht. Wohl wissend, dass der nächste Zug ein Express ist, der an unserer Sation gar nicht hält sondern erst wieder in Futago-Tamagawa, also am Fluß kurz vor Yokohama. Lilli (1.50 groß, 35 kg, völlig Zug-unerfahren und 11 Jahre alt) hat weder die Kraft, noch die Schnelligkeit oder das Bedürfnis, sich in überfüllte Züge zu quetschen, noch erkennt sie die Notwendigkeit und hat außerdem keine Ahnung, dass es außer dem normalen Zug auch noch einen EXPRESS gibt. Paulina also drin. Lilli also draußen. Paulina ruft Lilli zu "WARTE!" Lilli versteht "ICH WARTE" - und steigt prompt in den nächsten Zug, was Pauli nicht weiß.
Die blauen Kacheln hat sich Lilli zwar gemerkt, aber dass sie durch diese Sattion durchbraust, nimmt das Kind nicht wahr, das Gefühl sagt ihr aber, sie sei ca 5 Stationen von "zuhause" entfernt und deshalb macht sie es sich erstmal auch ein bißchen gemütlich, vermutlich wieder auf dem Sitz für Schwangere.
Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass sich Lillis Handy und ihre Bahnkarte selbstverständlich in PAULINAS Tasche befinden, DAMIT SIE NICHT VERLOREN GEHEN????  Paulina selbst ist mittlerweile nach Shibuya zurückgefahren, dann, als Lilli nicht dort war, in die andere Richtung, also theoretisch in die Richtige, immer davon ausgehend, dass Lilli kapiert, dass sie aus einem EXPRESS sobald wie möglich wieder aussteigen muss, was in unserem Fall die bereits oben erwähne Futago-Tamagawa Station ist. Und selbstverständlich nicht passiert, denn das wäre absolut gegen das Hutzenlaubsche Chaos-Gesetz.

Mitterweile ist zum Glück Maria endlich zuhause und ich kann auch los und suchen helfen, denn selbstverständlich kommt ein Ehemann und Vater nicht zufälligerweise dann ein paar Stunden früher von der Arbeit, wenn es gerade gut passen würde und ich kann schließlich William nicht gut alleine lassen, ohne zu wissen, wann Maria heimkommt. Und Holger kann ich auch nicht anrufen, weil er dann erschrickt und mir sofort und völllig ungerechtfertigterweise einen Vortrag über die Verantwortungslosigkeit meines und Paulinas Handelns hält und wenn ich gerade jetzt was nicht brauchen kann, ist ein völlig SUBSTANZLOSER Vortrag über Kinderziehung. Ich kanns ihm ja dann immer noch erzählen, wenn wir Lilli wieder gefunden haben.
Mit Paulina mache ich aus, dass sie jede Station zwischen Futago und Yoga abklappert und ich mache das Gleiche Richtung Shibuya. Auf die Idee, dass Lilli sich mittlerweile in Tama-Plaza (also mitten in Yokohama) befindet, kommen wir überhaupt nicht - aber immerhin ist Tama-Plaza nicht die Endstation, aber wie die heißt, habe ich sowieso vergessen, ich weiß nur, dass es Stunden dauert, wenn man von dort mit dem regulären Zug nach Yoga zurückfährt, was man muss, weil der Express bekanntlich dort nicht hält. Aber wie gesagt, in Tama-Plaza hat dann auch Lilli gemerkt, dass da was nicht stimmt, ist ausgestiegen und tatsächlich in die gleiche Linie nur in die andere Richtung wieder eingestiegen. Und das bei all den MÖGLICHKEITEN, die sie in Tama-Plaza gehabt hätte!!! Also, das finde ich, ist fast zu glatt gegangen - wobei ich das ja zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht weiß.

Bevor ich mich aber auch in den Zug setze, versuche ich dem netten uniformierten Mann am Gate zu sagen, dass mir mein Kind abhanden gekommen ist. Um es allerdings vorsichtig auszudrücken, sind sein Englisch und mein Japanisch nicht wirklich kompatibel. Meine Geschichte kommt ihm vermutlich auch so seltsam vor, dass er bestimmt denkt, dass das war er da hört, auf gar keinen Fall stimmten kann.
Aber er gibt mir immerhin Stift und Zettel und jetzt weiß ich auch warum ich Grafik-Desing studiert habe, denn meine dolle Zeichung von sechs Strichmännchen in Kombination mit dem Japanischen Wort für "Mutter" macht ihm auf jeden Fall klar, dass ich eine Mutter bin. Herzlichen Glückwunsch, denkt er vermutlich, aber warum erzählt die mir das? Er nickt und lächelt nett.
Leider weiß ich gerade das Wort für Tochter nicht und Schwester schon gleich gar nicht, außerdem bin ich zugegebnermaßen ein kleines bißchen aufgeregt, aber "Shibuya", meine dramatische Mimik-Gestik-Kombi macht ihm klar, dass da wohl irgendwas schiefgelaufen ist.
Ich schreibe ihm Marias Handy-Nummer auf, meine bringt nix, denn mein Akku ist leer (vom vielen Akasaka/Akasuka- Bahnhof suchen und der nicht vorhandenen Möglichkeit, es wieder aufzuladen)  - deshalb hab ich ihres dabei, natürlich ohne jegliche Kenntnis ihrer Nummer und es verwirrt ihn zusätzlich, dass ich erst noch zuhause anrufen muss, um nach dieser Nummer zu fragen, aber er nimmt den Zettel dann klaglos an und ich darf sogar noch einen schreiben (auf dem steht auf deutsch, also für Lilli geschrieben, dass sie unter allen Umständen stehen bleiben und auf uns warten soll). Und ich hoffe, dass er diesen Zettel dem nächstbesten Gaijin-Mädchen in lila Jacke in die Hand drückt, das er sieht. Die Chancen sind gut, dass das Lilli sein wird, denn soviele Gaijins (also Ausländer) gibts an unserer Station nicht. Mädchen weiß er,weil meine Zeichnung hat einen Pferdeschwanz und lila ist mein Schal.
Während ich mich bereit mache, das Gate zu betreten und Lillis Schicksal ab Ausgang Yoga-Station vertrauensvoll in die Hände dieses Mannes zu legen, sehe ich mein Kind auf mich zu kommen. Oh.
Damit hab ich irgendwie gar nicht gerechnet. So einfach?
Natürlich sind wir alle froh, dass sie da ist, Paulina sowieso (und hat auch noch was dabei gelernt, was sie selbstverständlich niemals zugeben würde, nämlich, das man als große Schwester nach der kleinen zuerst schauen muss - aber sehe ich da etwa eine erleichtungs-Träne glitzern?? Ich muss mich täuschen!) und nach ca 5 Stunden im japanischen U-Bahnsysthem gehen wir alle froh und erleichtert nach hause. Schnaps und Deo wären jetzt nicht schlecht.

Aber dass das Jahr 2012 so anfängt, wie es aufgehört hat, ist ja auch irgendwie beruhigend, findet ihr nicht?

Seid auf alle Fälle ganz herzlich gegrüßt - bis ganz bald! Sayoonara, Lucie

P.S.: Am Abend flüstert mir Lilli übrigens ins Ohr:"Du Mama, das war so schön, können wir das mal wieder machen?"
PPS: Ich hoffe, sie hat das Schlittschuhlaufen gemeint......

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Weihnachsstimmung - クリスマス精神

Weihnachtsstimmung im Hause Hutzenlaub entsteht irgendwie nur schleppend. Oder geballt. So haben wir zwar in bester Absicht die Kiste mit der Weihnachts-Deko vom Dachboden geholt und sie in die Küche gestellt, aber das dumme Ding hat sich nicht wie erwartet selber ausgepackt! Unmöglich ist das! Dabei konnte ich mir so gut vorstellen, wie bei durch die Wohnung waberndem Plätzchenduft, brennenden Kerzen, lieblicher Weihnachtsmusik und Schneegestöber draußen, die gute Stube in weihnachtlichem Glanz erstrahlt.
Nix erstrahlt hier.
Die Kinder geben zwar alles und singen lautstark Weihnachtslieder - leider jeder ein anderes und mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz, wer lauter singen kann. Untermalt wird das Ganze nur dadurch, dass mein Mann in meiner unmittelbraren Nähe weihnachtstimmungs- und entspannungsfördernd Plastikflaschen zertritt (damit sie besser in die dafür vorgesehen Container passen, was mir völlig wurscht ist, weil ob man 15 oder 20 leere Plastik- Flaschen an die Straße vorträgt, macht keinen Unterschied, dieser Krach obendrauf aber schon). Das macht er in diesem Moment weil "was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen".
Überhaupt befinden wir uns gerade in einer Phase, in der gerne solche Sprüche ausgegraben werden, und jeder sein Rechthaben grundsätzlich mit Sprichwörtern bekräftigt.Weil dann ist es quasi schon bewiesen.
Sprichwörter a la:" Morgenstund hat Gold im Mund" (Holger, mich am Samstag morgen um halb acht aus dem Schlafe reißend - spinnt der? )
"Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben" (ich zu ihm ebenfalls Samstag Morgen Wochenende UM HALB ACHT. Immerhin funktioniert sprechen auch ohne dass ich richtig wach bin) -
Er: mit Lächeln
Ich: Ohne.
Er: "früher Vogel fängt den Wurm!"
Ich: Hau ihn gleich!

Und ich weiß auch genau warum. Schließlich IST ja wohl tatsächlich WOCHENENDE. "Man" soll sich also erholen, Dinge tun, die man GERNE macht und zu denen man unter der Woche keine Zeit hat. "Falsch" sagt Holger "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen"
Ich:" Einen Tag ungestört in Muße zu verleben heißt, einen Tag lang ein Unsterblicher zu sein"
Das hat jetzt keiner von uns kapiert, aber wer würde das schon zugeben? Immerhin sind wir beide ruhig.
Dennoch: Die Hoffung auf Frieden, Ruhe und Entspannung tendiert also gleich null, der einzige wesentliche Unterschied zu Wochentagen ausserdem ist, dass ich anstatt einmal am Tag jetzt zweimal kochen soll.
William findet, sein Weihnachtlied müsse unbedingt mit Polizeisirenen-Gekreische untermalt werden, aber klar im Vorteil ist Paulina, denn sie kann gleichzeitig laut singen UND Klavierspielen. Das Telefon klingelt, Lilli nutzt den Moment, um mir eine weitere 5 im Vokabeltest unter die Nase zu halten, und das was da so riecht, sind keineswegs zart duftende Vanillekipferl - NEIN, es ist der Topflappen, der leider auf der nicht ganz ausgestellten Herplatte liegt.
Von Schneegestöber kann auch keine Rede sein - denn wenn ich einmal EINMAL für schlechtes Wetter bin, dann scheint garantiert die Sonne. Immer mit Absicht gegen mich.
Das Weihnachtsmärchen, das ich gerne mit William lesen würde, ist unauffindbar und auf der Couch ist sein kompletter Fuhrpark aufgebaut schließlich "wollen es meine Autos auch mal so gemütlich haben wie Du, Mama" 
Ja, das ist bald Weihnachten! Da weiß man was man hat! Warum nur bin ich nicht rechtzeitig vor der Gründung einer Familie GEWARNT worden?

An Weihnachten fällt Eines hier besonders auf: Japan ist ein mehr oder weniger Tannen-loses Land. Gibts hier nicht und muss importiert werden. Das mit dem Weihnachtsbaum ist also entweder eine sehr kostspielige oder aber aussichtslose Angelegenheit. Macht nix, finde ich, denn wir fahren ja sowieso am 17. in den Urlaub, was meine Kinder besonders freut, denn so konnten sie mich ünerreden, ihre Kalender schon ab dem 1 Advent zu öffen. Eigentlich ist das ja sicher gar nicht erlaubt und verdirbt die Brut auf ewig, aber ach, Advent gilt doch auch ein bißchen als Anfang, oder? Und noch schlimmer und unweihnachtlicher finde ich es sowieso, wenn dann am 16 alle Törchen auf einmal aufgemacht werden.
Kalender haben meine Kinder sowieso nur, weil der liebe Herr Kerner - vielmehr seine Redakteurin bereit war, ihre Koffer mit meinen in deren Redaktion geschickte Kalender zu füllen. Haben die gemacht! Ist ja aber auch das Mindeste, nachdem sie mich durch ihren Besuch hier (und die Streichung ihrer Sendung in Deutschland) daran gehindert haben, meine Kalender selber zu kaufen.
Der Kerner-Dreh-Nachmittag war übrigens sowieso sehr nett. Wir haben erstaunlicherweise in ganzen Sätzen gesprochen, haben uns gegenseitig ausreden lassen (meistens - also mein Mann mich- andersrum nun ja - Ausredenlassen ist jetzt auch nicht gerade eine meiner herausragendsten Eigenschaften), sind über kein einziges Kabel gestolpert und sind danach (ohne Kameras) Karaoke singen gegangen. Ja, das hättet ihr gern gesehen, was? Hören kann ich euch sowieso nicht empfehlen - da sind die Plasitkflaschen von Holger Balsam für die Ohren....

Aber eigentlich wollte ich euch ja vom Weihnachtsbaum erzählen. Also: Ich fand ja, man könne ja ausnahmsweise mal drauf verzichten. SKANDAL! In Deutschland hätte ich ja ähnlich empört empfunden, aber hier, mit dem schönen Wetter und dann auch noch für nur 2 Wochen?
Da habe ich aber die Rechnung ohne William gemacht. Denn wie ich ja sicherlich schon mehrfach erzählt habe, ist mein Sohn enorm entspannt, sensibel und sanft. Zurückhaltend, scheu. Naja, ihr habt ein Bild. Also all das - es sei denn, er hat eine feste Vorstellung. (Hat er selten, aber wenn, dann Gnade! Ich bin einmal in den 100 Yen-Shop gefahren, weil William sein Bild nicht mit einem Kleber mit gelbem Deckel kleben konnte. Rot musste er sein. ROT!) Ich bin zwar in meiner Wuschvorstellung eine konsequente Mutter, aber meine Ohren sind stärker und meine Nerven schwächer geworden in all den vielen Jahren, in denen ich meine Gesund - und vorallem Schön- heit heit der Erziehung meiner Brut geopfert habe. Und ich sage euch, es war eine Wohltat, den dringenden Erwerb eines Klebstoffs mit rotem Deckel vorschützen zu können, und eine halbe Stunde dieses Haus zu verlassen! Doch, ich finde das sehr konsequent! Schließlich muss man wissen, wann man eine Pause braucht! Und wie man sie rechtfertigt!
Dieser Kerl hatte also entschieden, ohne Baum geht hier gar  nix. Diesmal war ihm aber durchaus bewusst, das es nicht nur an meiner mangelnden Kauffreude liegen konnte, sondern dass es hier einfach per se schwierig ist. Ja, quasi aussichtlos. Zum Glück gibt es Kawai-San, den Gärtner, der hier die Häuser betreut und Williams bester Freund ist. Sie sprechen nicht miteinander. Gut, das ist nichts aussergewöhnliches in einer Männerfreundschaft, macht ja vermutlich den für uns Frauen nicht nachvollziehnbaren Wert aus, aber irgendwie schaffen sie es doch zu kommunizieren.
Immerhin steigt Kawai-San auf seine höchste Leiter und kappt meinem Sohn die Spitze einer Tuja. Also, näher kann man einem Weihnachtsbaum hier fast nicht kommen. Und einem Liebesbeweis von einem japanischen Görtner auch nicht.
Jetzt kommt auch zum Glück die Weihnachtskiste zu ihren Ehren, weil da müssen "rote Bälle" dran. Und ein goldener Stern oben drauf. Ich mach ja einiges mit. "Rote Bälle" in der richtigen Größe habe ich sogar,und bei dem goldenen Stern lässt sich der Bub mit einer pinken Geschenk-Verzierung abspeisen. Für so flexibel hätte ich ihn gar nicht gehalten!
Fairerweise muss ich zugeben, dass sich seine Hartnäckigkeit gelohnt hat. Beim Anblick der geschmückten Tuja-Spitze fühle ich fast so etwas wie Vorfreude. Kann aber auch daran liegen, dass es jetzt endlich regnet. Aber heute hab ich das gar nicht bestellt, denn es ist mittlerweile Montag und da kann man sich mit schlechtem Wetter noch schlechter zu irgendwas aufraffen.

Was aber immer geht, ist einkaufen. Kaufen kann ich sowas von gut, wie wir wissen und es hebt die Stimmung ungemein. Also meine. bei Holger bin ich mir da nicht ganz so sicher.
Ich halte es mit meiner klugem Mutter, die sagt nämlich "notwendig ist nur das Überflüssige" - "papperlapapp" sagt mein Mann (nein, das sagt er zum Glück nicht, sonst müsste ich mich wiedermal sofort scheiden lassen, aber sowas Ähnliches sagt er auf jeden Fall, nämlich: "Notwendig ist nur das Notwendige" Pfff. Macht keinen Spaß.

Aber heute ist echt was Besonderes: Heute ist nämlich Kokeshi-sale.
Kokeshi-dolls sind Holzpuppen zum Aufstellen. Einrichtungsgegenstände. Traditionelles Kunsthandwerk. Formschön. Bereichernd. Ein bezauberndes Andenken an Japan.
"Ach, so ein Briefbeschwerer-Staubfänger-Ding?" -  Mein Mann.
Überhaupt ist es kein Wunder, dass Kerstins Auto mit 4 Damen besetzt ist und auch während des Vormittags ausser dem uralten Kokeshi-Puppen-Verkäufer kein Mann zu sehen ist.
Dieser Verkauf findet zweimal im Jahr statt und der Zeitpunkt ist spitze, weil Kokeshis dankbare Geschenke sind. Außer mir befinden sich im Auto nur Frauen, die im nächsten Jahr nach hause - also nach Deutschland gehen - und das bedeutet, sie sind vom akuten hemmungslosen Andenken-Kaufzwang-Virus befallen und der ist ansteckend. 
Wir sind auch extra früh losgefahren und ich höre schon, was wer alles "braucht".
Hemmungsloser Kaufzwang ist meinem Fall völlig unangemessen, denn erstens haben wir unser Geld für eine Reise nach Vietnam bereits ausgegeben, und das, was noch nicht mal mehr übrig war, hat mein Mann in mein Weihnachtsgeschenk investiert: Einen alten schwarzen glänzenden tollen,  hinreißenden Käfer. Ja. Das hat er gemacht. Ein großartiges, passendes und völlig uneigennütziges Geschenk.
Ich bin sehr verliebt und könnte ihn den ganzen Tag anhimmeln. DEN KÄFER - nicht den Mann. Aber doch, ich war schon auch besonders nett zu Holger dann. Er durfte sogar mal fahren!
Also, wie gesagt, eigentlich wäre ich ja versorgt, was Geldausgeben angeht. Aber ich gebe es zu: Ich bin schwach und anfällig. Widerstandsun - dafür beigeisterungs- fähig, für alles was man kaufen kann. Mist.
Von der festen Überzeugung "nur mal zu schauen" zu einem leeren Geldbeutel sind es nur ein paar Wimpernschläge, aber heute bin ich gut, hab ich mir vorgenommen. Nur was Kleines überflüssiges zu Weihnachten für meine Mutter, nicht wahr?

Wir betreten das leeregeräumte und mit Kokeshi-Puppen komplett gefüllte Wohnzimmer. Oh.
Kerstin, Maria und Anette haben schon glänzende Augen und die Schuhe aus.
Ich spüre, hier muss ich sehr sehr stark sein.
Kerstin hat sich schon drei Puppen vorbestellt, von einem Künstler, der schon über achtzig ist und gar nicht mehr malt. Also, diese Art gibt es gar nicht mehr. Uuuhhh - vielleicht sollte man dann doch...? Weil, schön sind sie schon? Nein. Konzentration! Nur schauen. Das Interesse der anderen Frauen ist ebenfalls geweckt, auch sie haben "selten" "kostbar" und "ausverkauft" gehört.
Die Puppen sind riesig und sehr sehr teuer. Und die Gastgeberin konnte zwei Puppen dieser Art zusätzlich organisieren. Naja, zur Not hab ich ja mal prophylaktisch ein bißchen mehr Geld mitgenommen....Schön sind sie schon und ich hatte sie zuerst. Zueherst. Zueherst!
Das heißt eine große, ungefähr 50cm hohe und eine mittlere - ca 40 cm. Ich zähle rückwärts. Will ich diese Puppen haben? Nein, andersrum: Kann ich auf diese Puppen verzichten? Werde ich es nicht mein Leben lang bereuen? Gut, es ist jetzt nicht hunderpro mein Stil, aber hat man nicht schon ab und zu etwas nicht gekauft und es dann direkt danach bereut? Und dann wars zu spät?
Nein - ich muss, ja ich MUSS diese Puppen kaufen! Es hilft alles nichts. Und dann noch eine kleine nicht so teure für meine Mutter und ..... zum Glück muss ich niemand anpumpen! Bin mir auch nicht sicher, ob die Frauen denen ich die Puppen, die ich gar nicht haben wollte (zuerst - aber dann ja schon!) vor der Nase weggekauft hatte, mir was geliehen hätten.

Beschwingt und pleite besteigen wir Kerstins Auto. Alles wird nochmal genau durchgesprochen. Wer für wen welche gekauft hat und warum diese besonderen Puppen so besonders toll sind. Und was es für ein Glück war, dass es noch welche gab.Maria und Anette haben natürlich sowieso schon die gleichen wie ich jetzt. Ich hatte noch gar keine - wie konnte ich nur bisher OHNE Kokehsi-Puppen überleben? Und das Taschengled kann ich den Kindern ja auch noch nächste Woche geben, oder? Spare in der Zeit, so hast Du in der Not - genau!
Mit meiner Beute betrete ich stolz unser Haus und wickle als erstes meine zwei neuen Kostbarkeiten aus. Schön sind sie. Ich könnte sie am Eingang auf unsere Kommode stellen. Oder nein, dafür sind sie zu groß. Vielleicht auf den Tisch in unserem "offiziellen Esszimmer"? Dumm nur, dass sie dann garantiert umfallen, sobald einer an den Tisch stößt, worauf man sich verlassen kann. In die Küche passen sie nicht, da ist kein Platz. Im Schlafzimmer wäre es eine Verschwendung (und außerdem ist der einzige Platz, der möglich wäre, ein kleines Möbelstück, auf dem die in diesem Moment enorm beschämte Dame des Hauses immer gern ihre Kleider ablegt). Nee, und Kleider dann immer gleich wegräumen, nur wegen den Puppen? Mhmmm. eher nicht. Jaja, Ordnung ist das halbe Leben, ich weiß.
Aber das löst ja mein Puppen-Problem jetzt nicht wirklich.
Wie ich also so da stehe mit den beiden Puppen in der Hand, wird mir plötzlich klar: Ich werde sie weiterverkaufen! Genau! Kerstin wollte sowieso noch eine große Puppe und die mittlere will sie dann vielleicht auch! Ja! So mache ich das! Ich fühle mich unglaublich gut. Befreit. erleichtert. Und  ja, doch, wenn man von dem klitzekleinen Umweg absieht, den ich hier genommen habe, dann finde ich, kann ich auch ein bißchen stolz auf mich sein, wie wenig Geld ich ausgegeben habe. Also, im Endeffekt.
Dafür muss ich jetzt natürlich die kleine Puppe behalten, die ich ursprünglich für meine Mutter gakauft habe, aber ich finde hier bestimmt schnell was anderes Überflüssiges, das ihr und mir Freude macht.
Oh - zufälligerweise ist morgen früh ja auch bei Kerstin, die vor Tokyo in Shanghai gelebt hat und noch beste Kontakte dorthin hat, ein "Kettenvormittag". Nein, hab ich gar nicht mehr dran gedacht! WIRKLICH! Da verkauft sie Perlenketten, die sie aus China mitgebracht hat. Ganz günstig. Aber weil Kerstin ja leider leider im Februar geht, ist das quasi meine letzte Chance..Eigentlich wollte ich ja gar nicht hingehen, aber man weiß ja nie - und erwähnte ich es bereits? so günstig - und außerdem hat man mit Schmuck schließlich nie das Problem, dass man nicht weiß, wo man sowas aufstellen soll.....

Sag mal, findet ihr mich etwa oberflächlich? Das finde ich jetzt nicht fair.

Also ja. Ich weiß ja, es geht nicht nur um Geschenke. Aber manchmal eben schon. Unsere Vorweihnachtszeit besteht ja nicht nur aus Kaufen. Nein, wir haben zum Beispiel auch ein  Charity-Konzert von Williams Kindergarten gehabt, das war sehr schön - mit japanischen Künstlern am Anfang und dann einem Teil, bei dem die Kinder was vorgeführt haben. DAA wollte jetzt mein Sohn lieber nicht mitsingen. Aber vielleicht hat ihm auch seine Polizeisirenen-Untermalung gefehlt?
Dass wir dieser Verantaltung beiwohnen durften, war gar nicht so selbstverständlich, ich hatte nämlich anstelle des Umschlags mit den Eintrittskarten, den mit der vierteljährlichen Rechnung dabei... Ahem. Zum Glück war Mr Alex (der alles weiß und alles macht und überhaupt der Beste ist) der Kartenabreißer und hat uns so reingelassen. Natürlich nicht ohne mir zu sagen, wie sehr es ihn freut, dass es Menschen gibt, die eine noch größere Organisations-Katastrophe sind als er. Wir beide sind spitze in unserem Beruf . Da beißt die Maus kein Faden ab.
Außerdem wird Lilli elf Jahre alt  und der Nikolaus kommt. William ist mal wieder sauer, weil an Nikolaus hats IMMER Schnee, was er weiß, weil er ja schließlich ein Buch nach dem anderen anschaut, und wenn es keinen Schnee hat kommt, der Nikolaus nicht, denn der hat nen Schlitten und das geht nur auf Schnee, oder soll der etwa mit der U-Bahn kommen?
Auweia. Bei Schnne sind meine und auch Kawai-Sans Grenzen erreicht... Aber ich könnte mal schnell noch in den 100 Yen-Shop - Ohropax kaufen.....Schließlich: Der Zweck heiligt die Mittel, oder?
Danach beantworte ich meinem Sohn die Frage, ob der Nebel da draußen bedeutet, dass die Wolken abgestürzt sind und spreche mit ihm über griechische Sagen, wobei er meine mangelhafte englische Aussprache von "Odysseus" bemängelt und es total furchtbar findet, dass mir leider das Vokabular für eine ordnungsgemäße Diskussion über Tempel-Architektur im alten Griechenland mit einem Vierjähringen fehlt. Klug reden kann jeder. HA! Und Irren ist menschlich!!! Und Undank ist der Welten Lohn.
Dass diese Sprichwörter abfärben, merke ich  beim Zähneputzen. Ich frage William, obs geklappt hat und er sagt:"Ja, wie angegossen!"
Weihnachten.... hab ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Heimweh habe?
Nach der Kälte, den Kerzen, dem Weihnachtsmarkt, meinen Freunden, meine Eltern. Frühstücken im Cafe. Sauna. Ich vermisse das Frieren, weil das Aufwärmen so schön ist. Ich vermisse den Weihnachtsgeruch. Das Christbaum-Loben und die tausend verschiedenen Plätzchen, die meine Freundinnen gebacken haben und die viel viel besser schmecken als meine. Ich vermisse definitiv nicht das Kratzen.
Und hier gibt es außerdem noch so viel zu tun.
Aber davon erzähle ich euch dann nächstes Jahr, wenn ich sowas von erholt aus dem Familien-Urlaub in Vietnam zurückkomme. Moment Mal - habe ich gerade Familie und Erholung im Zusammenhang erwähnt? Naja. was soll ich sagen, außer: Die Hoffnung stirbt zuletzt?
Also - euch allen ein fröhliches, entspanntes Weihnachtsfest mit euren Lieben und ein gesundes, katastrophenfreies Jahr 2012, Sayoonara, Lucie



p.s. Kerners Rückblick (natürlich nicht nur mit uns) kommt am Donnerstag, 15.12 um 22.15 Uhr


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